„Bring ihn endlich zum Schweigen!“, schrie Alexander und stürmte ins Zimmer, die Tür krachte mit voller Wucht gegen die Wand

Diese Realität ist grausam und zutiefst ungerecht.
Geschichten

„Lena …“ Sabine Ludwigs Stimme zitterte. „Er hat da etwas. An der linken Schulter. Ein Muttermal. Wie ein kleines Ahornblatt. Genauso … genauso wie bei Daniel.“

Lena nickte nur und ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken. Ihre Beine fühlten sich an, als trügen sie sie nicht mehr.

„Ja. Er ist Ihr Enkel. Emil. Daniel wusste nichts davon. Ich selbst war mir noch nicht sicher, als er plötzlich … verschwand.“

„Verschwand?“ Sabines Blick wurde hart, doch darunter lag ein alter, wundgelegter Schmerz. „Er ist nicht einfach gegangen, Lena. Man hat ihn aus dem Weg geräumt.“

Mit leiser, fast tonloser Stimme begann sie zu erzählen. Ihr Blick hing an den Einmachgläsern im Regal, als stünde die Vergangenheit dort zwischen Gurken und Kirschen eingesperrt. In der Firma, in der Daniel als Finanzchef arbeitete, habe es aus heiterem Himmel eine Sonderprüfung gegeben. Plötzlich seien massive Unregelmäßigkeiten aufgetaucht. Und alle Spuren hätten zu ihm geführt – ausgerechnet zu dem jungen, ehrgeizigen Mann, dem man eine große Karriere prophezeit hatte.

Daniel habe sofort gespürt, dass er hereingelegt worden war. Doch anstatt Lena mit in diesen Abgrund zu ziehen, habe er einen radikalen Schnitt gemacht. Er sei davon ausgegangen, dass ihm mindestens fünf Jahre Haft drohten. Also habe er ihr die Rolle des kalten Verräters vorgespielt – Gleichgültigkeit, angebliche Affären, verletzende Worte. „Vergiss mich. Such dir ein neues Leben.“ So habe er sie schützen wollen.

„Ich kann es nicht beweisen“, flüsterte Sabine und wiegte Emil mechanisch. „Das Verfahren ist abgeschlossen. Seit anderthalb Jahren sitzt er in der Justizvollzugsanstalt. Ich besuche ihn, so oft ich darf. Aber er ist nicht mehr derselbe. Gebrochen. Und ich … ich war überzeugt, du hättest dein Glück inzwischen mit Alexander Mayer gefunden. Er kam zu mir, erzählte, er unterstütze dich, ihr wärt in Kontakt. Ich dachte, vielleicht ist es besser so. Und nun …“

„Er hat mich geheiratet“, sagte Lena dumpf. „Er sprach von Liebe. In Wahrheit wollte er nur, dass ich Emil weggebe. Heute hat er es offen gesagt: ‚Gib ihn her. Das ist dein Problem.‘“

Sabine schloss die Augen, stand dann abrupt auf, griff nach einer Flasche Baldriantropfen und nahm einen kräftigen Schluck direkt aus dem Hals.

„Ein berechnendes Monster“, murmelte sie heiser. „Und der Brand in deiner Wohnung … glaubst du wirklich, das war Zufall?“

Ein eisiger Schauer lief Lena über den Rücken. Bisher hatte sie nicht die Kraft gehabt, darüber nachzudenken. Doch nun fügten sich die Splitter zu einem grausamen Bild. Alexander hatte Daniel ausgeschaltet. Alexander hatte ihr Zuhause vernichtet. Alexander hatte sich als Retter angeboten – unter seinen Bedingungen. Und jetzt verlangte er den endgültigen Preis: ihren Sohn.

„Was sollen wir tun?“ Ihre Frage war kaum hörbar. Sie richtete sich nicht nur an Sabine, sondern an das Schicksal selbst. „Er wird mich hier aufspüren. Er hört nicht auf. Er ist … nicht mehr klar im Kopf.“

„Wir müssen Beweise sammeln“, antwortete Sabine plötzlich mit fester Stimme. „Drohungen, Geständnisse – alles. Ich kenne jemanden. Ein ehemaliger Ermittler, ein Freund meines verstorbenen Mannes. Er weiß, wie man so etwas angeht. Du musst mit Alexander sprechen. Ihn dazu bringen, sich selbst zu entlarven. Und wir zeichnen es auf.“

Es war ein gefährlicher Plan, beinahe wahnsinnig. Doch eine Alternative gab es nicht.

Schon am nächsten Morgen klingelte Lenas Telefon unaufhörlich. Zunächst schmeichelnd: „Lena, komm zurück. Ich liebe dich. Ich war nur wütend.“ Als sie nicht reagierte, kippte der Ton. Beschimpfungen, Drohungen, wüste Tiraden. Sie stellte das Handy auf Lautsprecher, während Sabine mit bleichem Gesicht jedes Wort auf einem alten Aufnahmegerät mitschnitt.

„Ich finde dich“, schrie er. „Glaubst du, du kannst dich verstecken? Ich habe alles für dich getan! Alles! Daniel sitzt wegen mir im Gefängnis! Deine Wohnung – ich habe nachgeholfen, damit du endlich zu mir kommst! Und jetzt gehörst du mir! Entweder du kommst zurück, oder ich sorge dafür, dass du und dein Bastard—“

Seine Stimme überschlug sich, wurde wirr, fast unverständlich.

Nach zwei Tagen riet der pensionierte Ermittler zu einem Treffen – an einem öffentlichen Ort. Ein Café nahe der U-Bahn-Station. Lena stimmte zu. In ihrer Handtasche lief das Diktiergerät. An zwei benachbarten Tischen saßen unauffällige Männer von der Abteilung für häusliche Gewalt – Bekannte des alten Ermittlers.

Alexander erschien wie ein Sturm. Unrasiert, mit geröteten Augen, das nasse Mantelkragen schlaff herunterhängend. Kaum hatte er sie entdeckt, stürmte er heran, stieß einen Stuhl beiseite.

„Wo warst du? Zu Hause ist es eiskalt, nichts zu essen da! Du kommst sofort mit!“

„Ich komme nicht zurück, Alexander. Es ist vorbei.“

Er lachte schrill auf, beugte sich über den Tisch. Alkohol und kalter Schweiß schlugen ihr entgegen.

„Vorbei? Das fängt doch gerade erst an! Weißt du, was mich das gekostet hat? Diesen Saubermann Daniel reinzulegen? Er war geschniegelt bis ins Detail, hat jedes Dokument zehnmal geprüft …“

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