Trotzdem hatte sie zugestimmt, ihn zu heiraten. Zum Standesamt war sie gegangen wie zu einer Hinrichtung – mit zitternden Knien und einem winzigen Rest Hoffnung im Herzen. Vielleicht würde es doch so etwas wie ein Zuhause geben. Vielleicht einen Mann an ihrer Seite. Vielleicht würde Emil mit einem Vater aufwachsen.
Nun lag diese Hoffnung in Scherben.
Alexander wollte keine Familie. Er wollte sie – Lena allein, ohne Vergangenheit, ohne Erinnerungen, ohne Bindungen. Ein unbeschriebenes Blatt. Doch Emil war kein ausradierbarer Fehler, sondern ein atmendes, schreiendes Stück ihres Lebens. Und genau das konnte Alexander nicht ertragen.
An jenem Abend begann es harmlos – mit Bier. Danach folgte Cognac. Seine Stimme wurde lauter, seine Bewegungen fahriger. Immer wieder tauchte er im Kinderzimmer auf, blieb im Türrahmen stehen und starrte auf das schlafende Kind herab. In seinem Blick lag eine Abneigung, die Lena körperlich spüren konnte.
„Schläft er endlich, der Kleine?“ murmelte er einmal mit schwerer Zunge. „Hoffentlich bleibt das so. Hörst du, Lena? Es soll ruhig sein. Sonst sorge ich selbst dafür.“
Er hatte sie noch nicht geschlagen. Noch nicht. Aber die Möglichkeit hing bereits zwischen ihnen, dicht und drückend wie Gewitterluft kurz vor dem Einschlag.
Als er schließlich im Wohnzimmer auf das Sofa sank und in alkoholschweres Schnarchen verfiel, stand Lena reglos im Flur. Erst als sie sicher war, dass er tief schlief, wagte sie zu atmen. Dann handelte sie.
Seit Wochen war sie vorbereitet. Unauffällig hatte sie eine Tasche gepackt und hinter dem Garderobenschrank versteckt – für den Fall, dass der Moment kam. Windeln, zwei Gläschen, Milchpulver, Fläschchen, eine kleine Wasserflasche, Feuchttücher, Ersatzkleidung für Emil, ihr eigener dicker Pullover, Dokumente. Und das Geld, das sie ihm unbemerkt beiseitegeschafft hatte – hier ein paar Euro, dort ein paar Münzen. Es waren ein paar tausend zusammengekommen.
Mit routinierten Bewegungen griff sie nach der Tasche. Emil war inzwischen wach geworden und quengelte leise. Sie wickelte ihn fester in eine warme Decke, zog ihren alten Daunenmantel über und schob die Füße in die Stiefel. Schlüssel vom Beistelltisch. Kein Knarren? Kein Laut?
Ihr Herz hämmerte so laut, dass es ihr in den Ohren rauschte.
Draußen empfing sie der November – nass, windig, gnadenlos. Der erste Schnee war noch nicht gefallen, doch kalter Regen mischte sich mit vereinzelten Flocken. Der Wind riss die letzten Blätter von den Bäumen und trieb sie über den glänzenden Asphalt. Unter den Straßenlaternen spiegelten sich Pfützen wie schwarze Spiegel.
Lena zog die Kapuze über Emils Gesicht und lief los. Weg. Einfach nur weg von diesem Haus am Rand des Viertels, von den hohen Zäunen, hinter denen Alexander sie angeblich „in Ruhe“ hatte leben lassen wollen.
Ihre Stiefel füllten sich mit Wasser, jeder Schritt wurde schwerer. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Emil begann zu weinen, erschrocken von der Bewegung und der Kälte.
„Ganz ruhig, mein Schatz… gleich ist es gut“, flüsterte sie, ohne selbst daran zu glauben.
Sie steuerte die beleuchteten Hochhäuser an, wo noch Fenster brannten, wo es Menschen gab, einen Spätkauf, Taxis. Irgendwo, wo sie nicht sofort gefunden würde. Nach einer gefühlten Ewigkeit – es mochten dreißig Minuten gewesen sein – flüchtete sie unter das Vordach eines geschlossenen Kiosks. Ihre Hände zitterten, als sie das Handy hervorholte.
Wen sollte sie anrufen?
Freunde hatte sie kaum noch. Emma Huber aus dem Heim war längst zu einer Tante aufs Land gezogen und hatte Lena oft gebeten, mitzukommen. Doch das war weit weg – und jetzt unerreichbar.
Es blieb nur eine letzte, hauchdünne Verbindung.
Sie wählte die Nummer, die sie noch aus den Zeiten mit Daniel Ludwig kannte. Es dauerte lange, bis jemand abhob.
„Ja?“ Die Stimme klang verschlafen und rau.
„Sabine Ludwig? Hier ist Lena… Lena Schmitt. Daniels… frühere Freundin. Es tut mir leid, dass ich so spät anrufe. Aber ich weiß nicht mehr wohin.“
Stille. Dann ein hörbares Einatmen.
„Lena? Was ist passiert? Wo bist du?“
„Draußen. Mit meinem Sohn. Ihrem… Enkel. Können wir bitte zu Ihnen kommen? Nur für diese Nacht. Ich bitte Sie.“
Wieder Schweigen. Lena umklammerte das Telefon, bis ihre Finger weiß wurden.
„Kennst du noch die Adresse? Ruf dir ein Taxi. Ich bezahle es. Komm sofort.“
Die Tränen liefen ihr ungehindert übers Gesicht, während sie über die App ein Taxi bestellte. Emil, eng an sie gedrückt, beruhigte sich langsam. Das Auto kam schnell. Als sie einstieg, umwehte sie der Geruch von Lufterfrischer und warmer Heizungsluft. Für einen Moment blickte sie noch einmal auf die leere, regennasse Straße zurück. Keine Menschenseele. Alexander schlief noch. Sie hatte einen Vorsprung.
Sabine Ludwig öffnete die Tür nicht im Morgenmantel, sondern in einem alten Trainingsanzug, als hätte sie gar nicht geschlafen. Ihr Gesicht wirkte müde, angespannt – doch ihre Augen, dieselben wie bei Daniel, musterten Lena aufmerksam.
„Komm rein, schnell. Du bist ja völlig durchnässt. Gib mir den Kleinen.“
Fast entschlossen nahm sie Emil aus Lenas steifen Armen. Im Flur roch es nach Katzenfutter, nach Kamillentee und nach alten Büchern – ein vertrauter Duft aus einer anderen Zeit.
„Ab ins Bad mit dir. Heiß duschen. Ich kümmere mich um ihn“, bestimmte Sabine bereits, während sie das Kind vorsichtig auswickelte. „Babysachen habe ich keine mehr, aber wir finden schon etwas.“
Lena nickte nur und schleppte sich ins Badezimmer. Das heiße Wasser brannte auf ihrer ausgekühlten Haut, doch sie blieb reglos darunter stehen. Lautlos weinte sie. Eine Nacht. Mehr war es nicht. Und morgen? Zurück konnte sie nicht. Das wäre ihr Ende. Ihr und Emils.
Als sie schließlich, in frische Kleidung gehüllt, aus dem Bad trat, war es still in der kleinen Wohnung. Aus der Küche fiel gedämpftes Licht in den Flur. Dort saß Sabine Ludwig am Tisch, Emil in ein großes Handtuch gewickelt auf dem Arm. Das Kind schlief mit halb geöffneten Lippen.
Sabines Gesicht jedoch wirkte merkwürdig erstarrt, als hätte sie etwas gesehen, das sie nicht einordnen konnte. Langsam hob sie den Blick zu Lena.
