„Bring ihn endlich zum Schweigen!“, schrie Alexander und stürmte ins Zimmer, die Tür krachte mit voller Wucht gegen die Wand

Diese Realität ist grausam und zutiefst ungerecht.
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— Bring ihn endlich zum Schweigen! Dein Kind brüllt schon wieder! Ich kann so nicht arbeiten! — Alexander Mayer stürmte ins Zimmer, die Tür krachte mit voller Wucht gegen die Wand.

Sein Gesicht war verzerrt, in seinen Augen loderte eine blinde, kalte Wut, die Lena Schmitt einen Schauder über den Rücken jagte. Instinktiv zog sie die Schultern hoch und drückte Emil Kraus fester an sich. Der Kleine weinte schrill und atemlos, sein Körper bebte. Ein brennender Kloß schnürte ihr die Kehle zu.

Eine Woche. Gerade einmal sieben Tage trug sie diesen noch ungewohnten Ehering am Finger. Vorher war Alexander anders gewesen: seine Stimme weich, seine Berührungen behutsam, seine Worte süß wie Honig. Jetzt musterte er sie und das Baby, als wären sie lästiger Unrat, den man am liebsten sofort entsorgen würde.

— Ich stille ihn gleich, dann beruhigt er sich, — flüsterte sie kaum hörbar. — Entschuldige bitte.

— Entschuldige? Meine Mutter schluckt seit zwei Tagen Beruhigungstropfen, ihr Blutdruck spielt verrückt! Ich schleppe mich wie ausgewrungen zur Arbeit! Wie lange soll das noch so gehen? Ich dreh noch durch!

Er baute sich vor ihr auf, breit und bedrohlich, nahm ihr das Licht vom Fenster. Er roch nach teurem Kaffee und nach etwas Scharfem, Fremdem — vielleicht Stress, vielleicht Abneigung. Lena fühlte sich schuldig, ohne genau benennen zu können, wofür. Hatte sie zu spät reagiert? Ihn falsch gewickelt? War sie keine gute Mutter? Emil war drei Monate alt. Er kannte die Welt nur durch Hunger, Bauchweh und das Bedürfnis nach Nähe. Wie sollte man das jemandem erklären, der es nicht verstehen wollte?

— Alexander… er ist doch erst ein Baby, — begann sie vorsichtig und verstummte sofort.

— Ein Baby! Genau! — Sein spöttisches Lachen schnitt tiefer als jedes Schreien. — Dein Baby. Und in diesem Haus will es keiner haben. Hast du das begriffen? Keiner! Ich habe genug von diesem Geheule, von diesem Geruch nach Spucke und Windeln. Und davon, dass du ständig an ihm klebst. Wir sind jetzt verheiratet. Mann und Frau! Oder dachtest du, ich spiele auf Lebenszeit Kindermädchen für deinen Bastard?

Lena antwortete nicht. Sie wiegte Emil mechanisch und starrte auf den grauen Linoleumboden mit seinen Kratzern, die sie inzwischen auswendig kannte.

— Hör zu, — fuhr Alexander fort, seine Stimme nun leiser, aber gefährlicher. — Es gibt eine Lösung. Ganz sachlich. Gib ihn ab. Heim, Pflegefamilie — ist doch egal. Dort kümmert man sich professionell. Und wir zwei fangen endlich an zu leben. Richtig zu leben. Du kannst dich um die Wohnung kümmern, Blumen züchten, zum Yoga gehen. Ich sorge für alles. Aber mit ihm bleibst du für immer in diesem Loch. Er ist dieses Loch.

Langsam hob sie den Blick. Sie erkannte den Mann vor sich kaum wieder. Die feinen Fältchen an seinen Augen, die sie früher für Lachfältchen gehalten hatte, wirkten hart. Dabei hatte er doch geschworen. Damals im Krankenhaus, als sie mit Emil auf dem Schoß auf der Kante ihrer ausgebrannten Wohnung gesessen hatte, in einem alten Pullover, ohne Zuhause. Er hatte versprochen, Verantwortung zu übernehmen, Vater zu sein, sie glücklich zu machen. Seine Augen waren feucht gewesen, seine Stimme ehrlich.

— Du hast es versprochen, — hauchte sie.

— Ich habe versprochen, mich um dich zu kümmern, — entgegnete er kühl, griff nach seinen Zigaretten. — Um dich, Lena Schmitt. Er ist dein Problem. Und du wirst es lösen. Du hast doch niemanden außer mir. Deine Wohnung ist abgebrannt, du selbst bist im Heim groß geworden, deine Freundinnen hausen irgendwo zur Untermiete. Willst du auf der Straße landen? Mit ihm? Das Jugendamt nimmt ihn dir schneller weg, als du schauen kannst. Du schaffst das doch gar nicht allein. Ich hingegen gebe dir alles. Aber ohne ihn.

Er verließ das Zimmer und hinterließ eine schwere, drohende Stille.

Lena blieb reglos sitzen, bis Emil erschöpft an ihrer Schulter einschlief. In ihrem Kopf hallten seine Worte nach: „Abgeben. Heim. Problem.“ Sie betrachtete die winzige Hand ihres Sohnes, die Grübchen auf den Fingerknöcheln. Ein Teil von ihr. Wie sollte man so etwas fortgeben? Wie einen Gegenstand?

Und doch — wohin sollte sie? Heimkindheit, Ausbildung, ein Job im Salon für ein paar Euro schwarz auf die Hand, dann das Zusammenleben mit Daniel Ludwig… Daniel. Charmant, sorglos, flatterhaft. Als er von der Schwangerschaft erfuhr, verschwand er. „Lena, lass es. Halt dich nicht an mir fest. Ich ruinier dich nur“, hatte er am Telefon gesagt. Danach war er weg.

Sie blieb zurück in ihrer kleinen Einzimmerwohnung am Stadtrand. Geburt. Knappe staatliche Unterstützung, die kaum für Milchpulver reichte. Und dann der Brand. Angeblich ein Kabeldefekt. Übrig blieben verkohlte Wände und beißender Rauchgeruch. Nur weil sie an dem Tag mit Emil bei der Kinderärztin gewesen war, lebten sie noch. Doch ein Zuhause hatten sie nicht mehr.

Da tauchte Alexander auf, ein alter Bekannter aus gemeinsamen Runden mit Daniel. Mit einem Karton Windeln und Gläschen in der Hand. Mitfühlend, aufmerksam. „Ich mochte dich immer, Lena. Daniel ist ein Idiot. Gib mir die Chance, alles in Ordnung zu bringen“, hatte er gesagt.

Benommen vor Angst und Verlust hatte sie ihm geglaubt. Verzweiflung ist ein schlechter Ratgeber.

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