„Von Ihnen erwarte ich lediglich die Hälfte der Saalmiete und der Küchenpauschale“, fuhr sie gönnerhaft fort. „Die Dekoration, den Moderator und das Rahmenprogramm übernehme selbstverständlich ich. Sie wollen doch nicht, dass Ihre Tochter vor meinen geladenen Gästen wie ein Niemand erscheint?“
Noch am selben Abend eskalierte die Situation zwischen Lukas Vogel und mir zum ersten Mal ernsthaft. Unter Tränen versuchte ich ihm klarzumachen, dass ich keine Lust auf diese Zirkusveranstaltung mit hundert fremden Gesichtern hatte, die mich kein bisschen interessierten.
„Anna, jetzt dramatisier nicht“, erwiderte er träge, ohne den Blick vom Fernseher zu lösen. „Meine Mutter hat recht. Das sind wertvolle Kontakte. Du hältst einen Abend durch, und danach stehen uns sämtliche Türen offen.“
Die Wochen der Vorbereitung brachten mich an meine Grenzen. Andrea Baumann überwachte jedes Detail, als handele es sich um eine Staatsaffäre. Mein schlichtes, fließendes Kleid wurde von ihr regelrecht verrissen. Stattdessen schleppte sie mich in ein Atelier, wo ich in ein schweres, ausladendes Gebilde mit meterlangem Schleier gezwängt wurde. „Das strahlt Bedeutung aus“, nickte sie zufrieden vor dem Spiegel. „Dein ursprüngliches Kleid wirkte wie ein billiges Nachthemd.“
Doch der eigentliche Schlag traf uns drei Tage vor der Hochzeit.
Spätabends klingelte bei meinen Eltern das Telefon. Andrea Baumanns Stimme klang süßlich vor gespieltem Bedauern.
„Katharina, meine Liebe, es ist etwas Unangenehmes passiert … Das Finanzamt hat vorübergehend die Konten meiner Firma gesperrt. Bis alles geklärt ist, habe ich keinen Zugriff auf liquide Mittel. Das Restaurant verlangt jedoch die Restzahlung für das Bankett. Andernfalls wird storniert. Sie müssten den offenen Betrag vollständig übernehmen.“
„Vollständig?“ Meine Mutter rang hörbar nach Luft. „Das ist eine enorme Summe. Wir können das unmöglich aufbringen …“
„Nun, dann sagen Sie die Feier eben ab“, entgegnete Andrea kühl. „Informieren Sie die Gäste, dass die Eltern der Braut nicht imstande waren, ihrer eigenen Tochter eine angemessene Hochzeit zu finanzieren. Ich bin gespannt, wie Sie sich danach noch unter Leute wagen.“
In dieser Nacht roch unsere kleine Küche nach Baldriantropfen. Meine Eltern saßen schweigend unter der schwachen Deckenlampe. Am Morgen packte mein Vater wortlos die Unterlagen unserer einzigen wirklichen Rücklage zusammen – das kleine Wochenendgrundstück, das er fünfzehn Jahre lang eigenhändig aufgebaut hatte. Er ging zur Bank und nahm einen Kredit zu ruinösen Konditionen auf, abgesichert durch eben dieses Stück Land.
„Papa, bitte tu das nicht. Lass uns alles absagen“, flehte ich, als ich sein eingefallenes, graues Gesicht sah.
Er schob den Darlehensvertrag entschlossen in einen Ordner. „Nein, Anna. Meine Tochter wird erhobenen Hauptes heiraten. Ich lasse nicht zu, dass diese Frau unsere Familie demütigt.“
Als ich Lukas darauf ansprach, reagierte er lediglich genervt. „Was hätte ich denn tun sollen? Meine Mutter steckt eben in einer vorübergehenden Krise. Dein Vater hat doch geholfen – prima. Die Umschläge mit den Geldgeschenken werden das schon ausgleichen. Warum machst du so ein Theater?“ Kein Funken Mitgefühl. Kein Wort des Dankes dafür, dass ein Mann kurz vor der Rente sich für seinen zukünftigen Schwiegersohn verschuldete.
Und nun stand ich hier auf den aufgeheizten Marmorstufen dieses protzigen Restaurants und musste mit ansehen, wie genau dieser Schwiegersohn meinen Vater beiseiteschob – als wäre er ein Störfaktor.
„Lukas“, sagte ich leise. In mir breitete sich eine seltsame, eisige Ruhe aus. „Was hast du da gerade getan?“
Er zuckte unwirsch mit der Schulter. „Jetzt übertreib nicht. Sein Sakko ist völlig zerknittert, und neben den Führungskräften meiner Mutter wirken deine Eltern wie arme Verwandte. Zuerst machen wir Fotos.“
