„Sie ruinieren die ganze Komposition“, zischte Lukas Vogel und schob meinen Vater mit spitzen Fingern ein Stück vom üppig geschmückten Blumenbogen fort

Peinlich und herzzerreißend zugleich, diese falsche Perfektion.
Geschichten

„Könnten Sie bitte aus dem Bild gehen? Stellen Sie sich irgendwo hinter die Säule, Sie ruinieren die ganze Komposition“, zischte Lukas Vogel und schob meinen Vater mit spitzen Fingern ein Stück von dem üppig geschmückten Blumenbogen fort.

Johann Heinrich blinzelte irritiert, als hätte er sich verhört. Verlegen strich er die Ärmel seines einzigen festlichen Jacketts glatt, das ihm an den Schultern sichtlich spannte. Neben ihm stand meine Mutter, Katharina Lang, und nestelte unsicher am Riemen ihrer abgewetzten Handtasche. Diese beiden Menschen, die für diesen Tag jahrelang zurückgesteckt hatten, wichen gehorsam zurück und verschwanden halb hinter hohen Kübeln mit dekorativen Rosen.

Lukas richtete betont lässig das Revers seines makellos sitzenden Smokings und legte seiner Mutter den Arm um die Schultern. Andrea Baumann, behängt mit schweren Goldketten und klirrenden Armreifen, setzte ein stolzes Lächeln auf und drehte sich gekonnt zum Fotografen, der unablässig auf den Auslöser drückte.

Die Sommerhitze ließ den Asphalt des Parkplatzes vor dem noblen Landclub flimmern. In der stehenden Luft mischten sich Haarspray, Abgase teurer Wagen und der süßliche Duft von Tortencreme. Mitten in diesem sorgfältig inszenierten Bild stand ich, eingeschnürt in ein viel zu enges Korsett, rang nach Luft und betrachtete das Profil des Mannes, dem ich vor kaum fünfzehn Minuten das Jawort gegeben hatte. Genau in diesem Augenblick fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Als wir uns kennenlernten, hatte ich Lukas für die Verkörperung von Verlässlichkeit gehalten. Unsere erste Begegnung fand in einem Baumarkt statt: Ich mühte mich erfolglos mit einem überladenen Wagen voller Fliesen ab, als er wortlos zugriff und das Gefährt mit einer selbstverständlichen Bewegung übernahm. Zielstrebig, entschlossen, scheinbar immer Herr der Lage. Für mich, die Tochter eines Drehers und einer Krankenschwester, wirkte seine Durchsetzungskraft wie echte männliche Stärke, wie Schutz und Sicherheit.

Doch die Fassade bekam erste Risse, als sich unsere Familien offiziell trafen. Andrea Baumann, Besitzerin einer florierenden Apothekenkette, war es gewohnt, Anweisungen zu erteilen statt Bitten zu formulieren. Sie betrat unsere kleine, blitzsaubere Wohnung, in der es nach Mamas berühmtem, kräftigem Eintopf roch, mit dem prüfenden Blick einer Kontrolleurin.

„Ganz schön düster hier im Flur“, bemerkte sie anstelle einer Begrüßung und musterte die alten Tapeten mit unverhohlener Geringschätzung. „Für Lukas ist das doch viel zu beengt.“

Am Esstisch stocherte sie lustlos im Essen. Das selbstgemachte Aspik schob sie beiseite, zog stattdessen einen dicken Terminplaner aus ihrer Designerhandtasche und legte ihn mit Nachdruck auf den Tisch.

„Also gut, liebe zukünftige Verwandtschaft“, begann sie und klopfte mit perfekt manikürtem Fingernagel auf das Ledercover. „Die Hochzeit meines einzigen Sohnes wird im Club ‚Waldkrone‘ stattfinden. Dort erwarte ich wichtige Geschäftspartner und ein paar einflussreiche Kontakte aus der Stadtverwaltung. Wir reden von etwa hundertvierzig Gästen.“

Mein Vater verschluckte sich beinahe an seinem Tee. Meine Mutter senkte den Blick auf ihre von der Arbeit gezeichneten Hände.

„Frau Baumann“, sagte mein Vater ruhig, aber bestimmt, „wir sind einfache Leute. Die Kinder und wir hatten eigentlich an eine kleine Feier im engsten Kreis gedacht, vielleicht in einem gemütlichen Restaurant. Ein so großes Fest übersteigt unsere finanziellen Möglichkeiten. Solche Rücklagen haben wir nicht.“

„Ach was, spielen Sie Ihre Lage doch nicht herunter!“, winkte sie ab, wobei ihre massiven Armbänder laut gegeneinanderschlugen. „Ihre begrenzten Mittel sind mir durchaus bewusst. Deshalb übernehme ich selbstverständlich den Großteil der anfallenden Kosten selbst.“

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