Das dritte Klicken hallte noch in meinen Ohren nach, als ich zum Telefon griff und einen Schlüsseldienst bestellte. Keine halbe Stunde später stand ein Monteur vor der Tür, und kurz darauf wurden neue Zylinder eingesetzt. Das harte Geräusch von Metall auf Metall, das satte Einrasten der frischen Schlösser – es wirkte beruhigender als jede Tablette.
Als er gegangen war, setzte ich mich an den Küchentisch. Endlich Stille. Sogar die Nachbarn über uns hatten aufgehört zu bohren. Durch das Fenster fiel fahles Mondlicht und legte sich wie ein Schleier über den Boden.
Ich holte meinen Taschenrechner. Also gut: 7.000 Euro im Monat. 3.500 davon gehen für die Hypothek drauf. Bleiben 3.500. Unterhalt … Sebastian Lorenz ist offiziell angestellt. Vor Gericht bekomme ich sicher 1.500 bis 2.000 Euro für Noah Meier zugesprochen. Macht ungefähr 5.500 Euro für uns beide.
Wissen Sie was? Das ist mehr, als mir übrig blieb, während ich diesen Vielfraß durchfütterte. Keine fünf Kilo Fleisch pro Woche mehr. Keine Handy- und Internetrechnungen für einen erwachsenen Mann. Kein endloses Gejammer über sein angeblich so hartes Leben.
„Mama?“ Noah stand plötzlich im Türrahmen, die Haare zerzaust, die Augen noch verschlafen. „Ist Papa weg?“
Ich nickte. „Ja. Er ist zu seiner Mutter gefahren. Und er kommt nicht zurück.“
Er schwieg einen Moment. „Sind wir jetzt arm?“
Ich zog ihn an mich. „Nein. Wir sind jetzt frei, mein Schatz. Und das ist viel wichtiger. Und für Pizza morgen reicht es allemal.“
Er fühlte sich federleicht in meinen Armen an. Zu leicht. In mir stieg eine heiße, klare Wut auf. Wie hatte ich all die Jahre wegsehen können? Wie konnte ich zulassen, dass mein eigenes Kind zurücksteckt, damit ein erwachsener Mann sich bedienen darf?
Morgen suche ich eine Anwältin auf. Scheidung und Unterhalt – beides sofort. Danach gehe ich zur Bank und verhandle über die Hypothek. Vielleicht strecken sie die Laufzeit, damit die Rate sinkt. Wird es anstrengend? Natürlich. Ich weiß nicht einmal, wie ich nächsten Monat Noahs Englischkurs bezahle.
Aber ich schaffe das. Frauen sind zäher, als man denkt. Man kann uns niedertrampeln – und trotzdem wachsen wir durch den Asphalt.
Im Schlafzimmer hing noch sein Rasierwasser in der Luft. Ich riss die Bettwäsche herunter, stopfte alles in die Waschmaschine und wählte das längste Programm. Es sollte nichts bleiben. Kein Geruch. Keine Erinnerung. Kein klebriger Rest von Demütigung.
Der Kleiderschrank wirkte plötzlich erstaunlich geräumig. Meine Kleider, die früher zusammengedrängt in einer Ecke hingen, breiteten sich nun aus. Farbenfroh, elegant. Eines davon ziehe ich morgen an. Nicht für jemanden. Für mich.
Sebastian versuchte inzwischen zum zwanzigsten Mal anzurufen. Ich drückte jeden Anruf weg. Kurz darauf kam eine Nachricht von Elisabeth Schmitt: „Sophie, du machst einen schweren Fehler. Ein Mann ist das Oberhaupt der Familie. Denk an deinen Sohn!“
Oh, ich habe an ihn gedacht, Elisabeth Schmitt. Genau deshalb steht Ihr Sohn jetzt vor verschlossener Tür. Er wird meinem Kind keinen Bissen mehr wegnehmen.
Ich löschte das Licht und legte mich ins Bett. Zum ersten Mal seit Monaten saß mir kein Kloß mehr im Hals. Die Wohnung roch nach frischer Wäsche und meinem Lavendel-Raumspray.
Morgen beginnt etwas Neues. Es wird kein leichter Weg – voller Rechnungen, Tabellen und Sparpläne. Aber es wird mein Leben sein. Ohne „Privatgeld“ eines fremden Mannes in meinem Schlafzimmer.
Draußen heulte irgendwo eine Sirene auf, ein Auto fuhr vorbei. Die Stadt kam zur Ruhe. Und ich auch. Mit dem Wissen, dass ich am Morgen als Herrin über mein eigenes Schicksal aufwachen würde. Und über meinen Kühlschrank.
Und Sie – würden Sie einen gesunden Ehemann von Ihrem Gehalt durchfüttern?
