„Sophie Otto, ich habe mir das durch den Kopf gehen lassen“, begann Sebastian Lorenz in einem Tonfall, der keinerlei Widerspruch duldete. „Mein Gehalt gehört mir. Ich arbeite dafür, also entscheide ich auch allein, wofür es ausgegeben wird. Für meine Wünsche, fürs Auto, wenn meine Mutter Unterstützung braucht. Und unseren Lebensunterhalt bestreiten wir künftig von deinem Einkommen. Du bist doch die Sparsame von uns beiden – niemand jagt Rabatten so hinterher wie du. Also liegt das Haushaltsbudget ab sofort in deinen Händen.“
Ich schrubbte weiter an dem alten Fettschatten über dem Herd, als hätte ich ihn persönlich beleidigt. Der Schwamm quietschte über die Fliesen, meine Finger pochten unter den Gummihandschuhen, und der beißende Geruch des Reinigers vermischte sich mit dem angebrannten Duft der Soße – Sebastian hatte mal wieder vergessen, die Platte auszuschalten, nachdem er den Gulasch umgefüllt hatte. Ich drehte mich nicht um.
„Dein persönliches Geld also“, sagte ich schließlich ruhig, während ich weiter rieb. „Sebastian, wir zahlen zwanzig Jahre lang die Hypothek ab. Und Noah Meier kommt dieses Jahr in die Schule. Einschulung, Ranzen, Bücher … Hast du eine Ahnung, was Lebensmittel kosten, wenn man sich nicht ausschließlich von Nudeln ernähren will?“
Er stapfte durch die Küche, seine Fersen hämmerten auf das Laminat. „Ach, fang nicht schon wieder an“, murrte er. „Du machst aus allem ein Drama. Ich habe nicht gesagt, dass ich gar nichts beisteuere. Wenn es brennt, kannst du mich ja fragen – dann sehe ich weiter. Aber grundsätzlich organisierst du das. Du bist doch immer so korrekt und gerecht. Dann zeig mal, was du als Haushaltschefin draufhast.“
Er ließ sich an den Tisch fallen und stellte den Fernseher so laut, dass die Stimmen aus der seichten Nachmittagsshow wie Kreissägen durch den Raum schnitten. Von oben dröhnte zusätzlich das monotone Surren eines Bohrers – die Nachbarn renovierten seit gefühlten Ewigkeiten. Dieses Dauergeräusch war längst zur Hintergrundmusik unserer langsam bröckelnden Ehe geworden.

Ich trocknete meine Hände am Geschirrtuch und wandte mich zu ihm um. Sebastian saß in seinem ausgeleierten Lieblingsshirt da, stocherte mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen und wirkte vollkommen zufrieden mit sich. Der Mann, der mir früher versprach, Berge für mich zu versetzen, war verschwunden. An seiner Stelle saß jemand, der sich als „Familienoberhaupt“ verstand und daraus ableitete, dass seine Bedürfnisse oberste Priorität hatten – während meine sich gefälligst selbst erledigen sollten.
„Meinst du das ernst?“, fragte ich und lehnte mich gegen die Spüle. Das kalte Metall spürte ich durch den dünnen Stoff meines Shirts. „Ich verdiene siebzigtausend Euro. Fünfunddreißigtausend gehen direkt für die Hypothek drauf. Bleiben weitere fünfunddreißigtausend – für drei Personen. Das sind rund zehntausend pro Kopf im Monat. Sollen wir deiner Meinung nach von dreihundert Euro am Tag leben? Einschließlich unseres Sohnes?“
Er zuckte kaum mit der Schulter. „Andere kommen mit weniger klar. Kauf halt Reis, Linsen, saisonales Gemüse. Zu viel Fleisch ist sowieso ungesund, hab ich gelesen. Und bitte, verschon mich mit deinen Rechnungen. Morgen schaue ich mir neue Felgen fürs Auto an, dafür brauche ich Kapital.“
In diesem Augenblick begriff ich, dass er das alles längst entschieden hatte. In seinem Kopf war der Plan fertig ausgearbeitet. Und ich spielte darin lediglich die Rolle einer kostenlosen Zusatzfunktion – zuständig dafür, seinen Komfort sicherzustellen, ohne jemals Anspruch auf seinen Anteil zu erheben. Dass dieser Konflikt nicht aus heiterem Himmel kam, sondern sich seit Monaten angebahnt hatte, wollte er dabei geflissentlich übersehen.
