„Aber wozu braucht sie solche Mengen? Was macht sie damit? Sie lebt doch ganz allein.“
Lena zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Vielleicht verteilt sie alles im Haus. Oder sie verkauft es weiter. Vielleicht hortet sie es einfach, wie andere Briefmarken sammeln. Im Grunde spielt das keine Rolle, Alexander. Entscheidend ist, dass sie uns bestiehlt – und uns dabei noch dreist ins Gesicht lügt.“
In diesem Augenblick hörten sie im Flur das metallische Klicken eines Schlüssels im Schloss.
Beide sahen sich an. Offenbar hatte Dorothea Schubert etwas „vergessen“ – oder sie plante einen weiteren Beutezug.
„Alexanderchen? Lena? Seid ihr daheim?“ Die Stimme der Schwiegermutter klang übertrieben heiter. „Ich war gerade in der Nähe und dachte, ich schaue kurz vorbei.“
Sie betrat die Küche mit aufgesetztem Lächeln. Doch als ihr Blick auf die ernsten Gesichter fiel, stockte sie. Auf dem Tisch stand noch immer das Notebook. Auf dem Bildschirm war das Standbild eingefroren: Dorothea Schubert vor dem geöffneten Kühlschrank, die Einkaufstaschen prall gefüllt.
Ihre Augen wanderten zum Display. Sie erkannte sich selbst. Innerhalb eines Wimpernschlags wich das freundliche Großmutterlächeln einer angespannten, beinahe aggressiven Miene.
„Was soll das bitte heißen?“ kreischte sie. „Ihr überwacht mich? Eure eigene Mutter! Das ist doch illegal!“
„Mama“, sagte Alexander und erhob sich. Seine Stimme war ruhig, kühl, ungewohnt bestimmt. „Stell die Taschen ab.“
„Welche Taschen? Ich habe nichts genommen! Das ist manipuliert! Ihr wollt mich loswerden, das ist alles! Deine Frau hat das eingefädelt – diese Schlange! Sie gönnt mir keinen Bissen!“
Alexander trat dicht vor sie. „Ich habe das Video gesehen. Du nimmst Fleisch, Fisch, Waschmittel. Wozu? Ich gebe dir jeden Monat Geld. Wenn dir etwas fehlt, sag es. Warum greifst du heimlich zu? Warum ausgerechnet bei uns? Bei Lena?“
Dorothea Schubert begriff, dass Leugnen zwecklos war. Sie richtete sich auf, das Kinn trotzig erhoben, und in ihren Augen blitzte verletzter Stolz – oder blanker Zorn.
„Stehlen? Wie kannst du es wagen! Ich habe dich großgezogen, jahrelang auf alles verzichtet! Und nun willst du mir ein Stück Fleisch vorwerfen? Alles hier gehört auch mir! Du bist mein Sohn! Es ist deine Pflicht, für mich zu sorgen – und zwar ordentlich! Und sie“ – sie zeigte mit dem Finger auf Lena – „ist austauschbar. Eine Ehe kann enden. Eine Mutter bleibt.“
„Das hier ist meine Familie“, entgegnete Alexander fest. „Lena und ich. Unser Zuhause, unser Geld. Du kannst nicht einfach hereinkommen und dich bedienen, als wäre es deine Speisekammer.“
„So redest du also mit mir? Ein Waschlappen bist du geworden! Sie hat dich gegen mich aufgebracht! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“
Mit diesen Worten wirbelte Dorothea herum, stapfte in den Flur und schlug die Tür hinter sich so hart zu, dass der Putz von der Wand rieselte.
Alexander sank auf den Stuhl zurück und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Was für eine Demütigung …“, murmelte er.
Lena legte ihm die Arme um die Schultern. Sie empfand Mitgefühl – und zugleich eine ungeheure Erleichterung. Das Versteckspiel war vorbei. Kein heimliches Verschwinden von Käse, keine Zweifel mehr an ihrem eigenen Verstand.
Am nächsten Tag tauschte Alexander schweigend das Türschloss aus. Eine Woche lang rief er seine Mutter nicht an. Auch Dorothea meldete sich nicht – vermutlich wartete sie darauf, dass ihr Sohn reumütig zurückkam. Doch dieser Moment blieb aus.
Etwa einen Monat später traf Lena im Treppenhaus zufällig auf Katharina Stein, die Nachbarin der Schwiegermutter.
„Ach, Lena!“, begann diese aufgeregt. „Ihre Schwiegermutter ist ja neuerdings unglaublich großzügig! Ständig bringt sie Wurst, Lachs und allerlei Köstlichkeiten vorbei. Sie sagt, ihr Sohn verdiene prächtig und überschütte sie mit Lebensmitteln. So eine fürsorgliche Mutter haben Sie!“
Lena lächelte dünn. „Oh ja, Frau Stein. Sehr fürsorglich. Nur jetzt mit etwas Abstand.“
Das Verhältnis zu Dorothea Schubert blieb angespannt. Alexander rief sie an Feiertagen an und brachte gelegentlich Einkäufe vorbei – selbst gekauft, selbst getragen. In die Wohnung ließ er sie nicht mehr. Bargeld erhielt sie keines; stattdessen beglich er ihre Rechnungen online. Im Familienkreis erzählte Dorothea weiterhin, ihre „Hexen-Schwiegertochter“ habe ihr den Sohn entfremdet. Lena hörte davon – und schwieg.
Wichtig war etwas anderes: In ihrem Zuhause kehrte Ruhe ein. Der Kühlschrank war wieder zuverlässig gefüllt, die Ausgaben ließen sich planen, und das Ersparte wuchs schneller. Schließlich buchten sie sogar eine Reise ans Meer.
Die kleine Kamera entsorgte Lena nicht. Sie verschwand in einer hinteren Schublade. Man wusste ja nie. Das Leben konnte überraschende Wendungen nehmen – und Verwandte manchmal auch.
Eines aber stand für Lena fest: Ihre Grenzen und ihre Ehe würde sie verteidigen. Wenn manche sie deshalb als berechnend oder herzlos abstempelten – bitte. Lieber diesen Ruf tragen als erneut zusehen, wie jemand ihr Zuhause plündert.
Und der Käse auf ihren Frühstücksbroten blieb fortan genau dort, wo er hingehörte.
