Lena zuckte nur mit den Schultern und lächelte gelassen.
„Nein, kein Besuch. Ich dachte mir einfach, wir sollten uns mal etwas gönnen. Ich habe eine kleine Prämie bekommen – und da wollte ich uns etwas Besonderes auf den Tisch bringen.“
Sie war sich sicher, dass Alexander diese Neuigkeit weitertragen würde. Er erzählte seiner Mutter alles, ohne Argwohn, ohne zu merken, dass er ihr damit unfreiwillig Hinweise lieferte.
Und genauso kam es.
Am Abend telefonierte er mit Dorothea Schubert und berichtete in heiterem Ton:
„Ja, Lena hat eine Prämie bekommen. Der Kühlschrank ist brechend voll. Morgen gibt’s Gulasch, aus richtig gutem Fleisch. Wenn du magst, komm vorbei, wir haben mehr als genug.“
Am nächsten Morgen verließen sie gemeinsam die Wohnung. Noch bevor Lena die Tür hinter sich schloss, aktivierte sie die kleine Kamera. Den gesamten Arbeitstag über war sie unruhig. Immer wieder schweifte ihr Blick zur Uhr. Ob sie schon da war? Oder würde sie erst später kommen?
Alexander dagegen war bester Dinge. Er freute sich auf das angekündigte Abendessen und schickte Lena sogar ein albernes Bild per Messenger. Für einen Moment tat er ihr leid. Was ihn erwartete, würde ihn hart treffen.
Als sie abends zusammen heimkamen, hing ein schwerer, süßlicher Duft in der Luft – unverkennbar das Parfum seiner Mutter.
Alexander lächelte sofort.
„Ach, Mama war da. Bestimmt hat sie die Blumen gegossen.“
Lena antwortete nicht. Sie ging direkt in die Küche, ohne den Kühlschrank zu öffnen. Stattdessen holte sie die kleine Leiter, stieg hinauf und nahm die Kamera vom Schrank.
Alexander runzelte die Stirn.
„Was machst du da? Warum baust du das Ding ab?“
„Setz dich bitte“, sagte sie ruhig. Nur ihre Hände verrieten Nervosität. „Wir müssen uns etwas ansehen.“
Er starrte sie an.
„Sag mal, hast du wirklich eine Kamera installiert? Spionierst du jetzt meiner eigenen Mutter hinterher? Das ist doch krankhaft!“
„Wenn sie nichts getan hat, gibt es auch nichts zu befürchten“, erwiderte Lena sachlich. „Und wenn doch – dann solltest du es mit eigenen Augen sehen.“
Sie schob die Speicherkarte in den Laptop. Alexander blieb hinter ihr stehen, angespannt, wütend – überzeugt, dass seine Frau maßlos übertrieb.
Auf dem Bildschirm erschien ihre Küche. Zeitstempel: 11:30 Uhr.
Die Wohnungstür öffnete sich. Dorothea Schubert trat ins Bild. Sie trug ihren Mantel und hatte zwei große, stabile Einkaufstaschen dabei.
Zuerst ging sie tatsächlich zum Fensterbrett und drückte prüfend auf die Erde im Blumentopf.
Alexander schnaubte triumphierend.
„Siehst du? Genau das habe ich gesagt.“
Doch statt zur Gießkanne zu greifen, drehte sie sich um und steuerte zielstrebig auf den Kühlschrank zu. Sie öffnete ihn – und ihr Gesicht hellte sich sichtbar auf.
Die Taschen stellte sie auf den Boden. Dann begann sie ruhig und ohne Hast, die Regalbretter zu leeren. Der Käse verschwand zuerst. Danach die geräucherte Wurst. Anschließend nahm sie das Rindfleisch heraus, wog es prüfend in der Hand und ließ es ebenfalls in einer der Taschen verschwinden.
„Mama…“, hauchte Alexander. Seine Stimme verlor jede Sicherheit.
Dorothea machte weiter. Die Forelle folgte, dann ein Päckchen Butter. Aus dem Gemüsefach holte sie Tomaten und Gurken – etwa die Hälfte davon.
Doch das reichte ihr offenbar nicht. Nachdem der Kühlschrank fast leer war, wandte sie sich den Küchenschränken zu. Tee, Kaffee, die große Pralinenschachtel – alles landete in den Taschen. Selbst die angebrochene Packung Waschpulver, die in der Ecke stand, nahm sie mit.
„Warum nimmt sie das Waschmittel?“, flüsterte Alexander fassungslos. „Ich habe ihr letzte Woche erst fünf Kilo gekauft…“
Auf dem Video stopfte Dorothea ihre Beute sorgfältig zurecht, zog mit Mühe die Reißverschlüsse zu. Die Taschen waren schwer; man sah es an ihrer Anstrengung. Kurz vor dem Gehen griff sie in die Manteltasche, zog einen angebissenen Apfel hervor, legte ihn auf den Tisch – und schüttete im Gegenzug die Kekse aus der kleinen Schale in ihre Tasche.
Dann löschte sie das Licht und verließ die Wohnung.
Der Bildschirm wurde schwarz.
In der Küche herrschte eine bedrückende Stille. Nur das monotone Brummen des Kühlschranks war zu hören – wieder leer, als wäre nie etwas darin gewesen.
Alexander trat ans Fenster und setzte sich auf das breite Brett. Den Kopf gesenkt, schwieg er. Seine Kiefermuskeln spannten sich sichtbar an. Das Bild der untadeligen Mutter, das er sein Leben lang bewahrt hatte, bekam tiefe Risse.
„Sie bestiehlt uns“, sagte er schließlich leise und heiser. „Nicht, weil sie nichts hätte. Einfach so. Als wäre es selbstverständlich.“
Lena sah ihn ruhig an.
„In ihren Augen gehört alles, was dir gehört, auch ihr“, antwortete sie. „Und ich bin für sie nur eine Randfigur, die man nicht ernst nehmen muss.“
