Am Freitag jedoch meldete sich Dorothea Schubert schon am frühen Morgen.
„Lena, meine Liebe“, säuselte sie mit einer Stimme, die vor Süße beinahe klebte. „Ich komme heute ohnehin bei euch vorbei, muss zur Apotheke. Da dachte ich, ich schaue kurz rein und gieße eure Blumen. Alexander meinte neulich, euer Ficus lasse die Blätter hängen. Das arme Ding.“
„Frau Schubert, ich habe ihn gestern erst gegossen“, entgegnete Lena bemüht ruhig.
„Ach was, du bist doch immer im Stress, schnell, schnell – da bekommt so eine Pflanze nie genug Aufmerksamkeit. Blumen brauchen eine erfahrene Hand. Keine Sorge, ich bin ganz leise. Rein und wieder raus. Soll ich euch vielleicht gleich noch einen Topf Borschtsch kochen?“
„Nein, danke. Wir sind versorgt“, sagte Lena bestimmt. Allein der Gedanke, ihre Schwiegermutter könne in ihrer Küche hantieren, ließ sie innerlich erstarren.
„Wie du meinst. Dann bis später, Kindchen.“
Den restlichen Arbeitstag verbrachte Lena wie auf glühenden Kohlen. Die Zahlenkolonnen auf ihrem Bildschirm verschwammen. Immer wieder stellte sie sich vor, wie sich die Wohnungstür mit dem Zweitschlüssel öffnete. Was tat Dorothea dort? Ging sie wirklich nur zu den Blumen – oder wanderte sie durch die Räume, öffnete Schränke, kontrollierte Schubladen? Stand sie womöglich direkt vor dem Kühlschrank?
Kaum war Lena am Abend zurück, stellte sie nicht einmal ihre Tasche ab, sondern eilte schnurstracks in die Küche. Ihr Puls hämmerte bis in die Schläfen.
Beim Öffnen der Kühlschranktür traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag.
Der Braten war verschwunden. Ebenso die Butterpackung mit ihrem winzigen Markierungspunkt. Von zehn Eiern lagen nur noch zwei verloren in der Pappschale. Und am schlimmsten: Das Glas mit rotem Kaviar, das sie im Sonderangebot ergattert und sorgfältig hinter eingelegtem Gemüse für Silvester versteckt hatte, war restlos weg.
Lena sank auf den Hocker und presste die Hände vors Gesicht. Das war kein harmloses Versehen mehr. Das war dreist. Systematisch. Und das Bitterste daran: Sie hatte keinen Beweis. Wenn sie Alexander darauf ansprach, konnte seine Mutter alles abstreiten. Sie würde behaupten, Lena habe sich geirrt, alles selbst verbraucht oder den Überblick verloren.
Das Gespräch am Abend war entsprechend frostig.
„Alexander, der Kaviar ist weg. Und das Fleisch. Und die Butter“, begann sie, während er zu Abend aß – notgedrungen Tiefkühlpelmeni, weil das geplante Essen nicht mehr existierte.
Er legte die Gabel langsam beiseite. Ein Schatten huschte über sein Gesicht.
„Schon wieder? Lena, das macht mir langsam Sorgen. Vielleicht solltest du wirklich mal einen Arzt aufsuchen. Einen Neurologen oder so. Wie bitte verschwindet ein Glas Kaviar?“
„Deine Mutter war heute hier.“
„Na und? Sie wollte die Blumen gießen! Glaubst du ernsthaft, sie – eine studierte Frau, ehemalige Lehrerin – würde ihrem eigenen Sohn Lebensmittel stehlen? Wozu? Sie bekommt Rente. Und ich unterstütze sie jeden Monat.“
Lena stockte. „Du unterstützt sie? In welcher Höhe?“
Alexander wich ihrem Blick aus. „Na ja … so fünf- bis siebentausend Euro im Monat. Für Medikamente, Nebenkosten. Sie kommt allein kaum über die Runden.“
„Fünf- bis siebentausend?“ Lenas Stimme wurde leiser, aber schneidender. „Wir zahlen noch immer den Wohnungskredit ab. Wir waren seit drei Jahren nicht im Urlaub. Und du überweist deiner Mutter heimlich Geld?“
„Es ist meine Mutter!“ fuhr er auf. „Ich muss dir doch nicht jeden Cent offenlegen, den ich meinen Eltern gebe. Und hör auf, sie zu beschuldigen! Wenn du etwas vergisst oder schlecht wirtschaftest, dann schieb das nicht auf andere!“
In dieser Nacht blieben die üblichen Worte aus. Kein „Gute Nacht“, keine Berührung. Lena lag wach und starrte ins Dunkel, während neben ihr Alexanders beleidigtes Atmen ging. In ihr wuchs etwas Neues – keine Hysterie, keine Wut, sondern eine kalte, klare Entschlossenheit. Sie musste die Wahrheit nicht nur erahnen. Sie musste sie beweisen. Unerschütterlich. So, dass es keine Ausflüchte mehr gab.
Am nächsten Morgen, einem Samstag, betrat Lena ein Elektronikgeschäft. Sie ließ sich ausführlich beraten. Das Gerät sollte klein sein, unauffällig, mit Bewegungssensor und Speicherung auf einer Speicherkarte.
„Dieses Modell wäre geeignet“, erklärte ein junger Verkäufer im gelben Shirt und reichte ihr eine unscheinbare schwarze Box. „HD-Auflösung, Tonaufnahme, Akkulaufzeit bis zu einer Woche. Man kann sie problemlos ins Regal stellen oder zwischen Bücher klemmen.“
Zuhause wartete sie, bis Alexander in der Garage verschwand. Dann machte sie sich ans Werk. Der ideale Platz fand sich oben auf dem Küchenschrank, zwischen selten genutzten Vasen und einem alten Porzellanservice. Sie schob die Kamera zwischen eine Zuckerdose und ein Glas mit Lorbeerblättern. Von unten war nichts zu erkennen, doch das Objektiv erfasste perfekt den Kühlschrank und einen Teil der Arbeitsfläche.
Jetzt brauchte sie nur noch einen Köder.
Am Sonntag füllte Lena demonstrativ – direkt vor Alexanders Augen – den Kühlschrank bis zum Rand. Hochwertige geräucherte Wurstaufschnitte, ein Stück edler Käse, ein Kilo frisches Rindfleisch, Forelle, Obst und eine große Schachtel Pralinen wanderten hinein.
Alexander blieb in der Küchentür stehen und hob die Brauen.
„Oho, bekommen wir Besuch – oder was hat es mit diesem Festmahl auf sich?“
