„Wo ist der Käse geblieben? Gestern Abend habe ich doch noch ein ganzes Stück gekauft – fast vierhundert Gramm, extra für die Frühstücksbrote, damit ich morgens nicht kochen muss.“
Lena König stand mit geöffneter Kühlschranktür in der Küche und spürte, wie sich ein dumpfer Ärger in ihr aufstaute. Die kalte Luft aus dem Inneren strich ihr über das Gesicht, doch ihre Wangen glühten. Auf dem mittleren Fach, wo am Vorabend noch der schwere Block in gelber Verpackung gelegen hatte, fanden sich nun lediglich eine halbe Zitrone und ein angebrochenes Glas Tomatenmark.
„Vielleicht hast du ihn selbst gegessen und es vergessen?“, rief Alexander Simon aus dem Wohnzimmer, während er vor der Arbeit verzweifelt seinen zweiten Socken suchte. „Oder ich war nachts dran … wobei, nein, ich habe nur ein Glas Wasser geholt. Lena, mach doch aus so einer Kleinigkeit kein Drama. Dann ist er eben weg.“
Langsam schloss sie die Kühlschranktür. Das leise Klicken wirkte in der morgendlichen Stille unangemessen laut. Es ging ihr nicht um den Käse. Auch nicht um die Salami, die vor drei Tagen spurlos verschwunden war. Und schon gar nicht nur um das teure Instantkaffee-Glas, das sich während ihrer Arbeitszeit plötzlich halb geleert hatte. Was sie wirklich beunruhigte, war etwas anderes: Sie begann an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln. Sie erinnerte sich genau, wie sie die Einkäufe eingeräumt, alles ordentlich verteilt und einen Wochenplan im Kopf erstellt hatte. Und dann – nach und nach – fehlten Dinge. Lautlos. Unauffällig.
„Alex, ich esse doch keine fünfhundert Gramm Käse über Nacht“, sagte sie und trat mit einem Geschirrtuch in der Hand ins Wohnzimmer. „Und du auch nicht. Das ergibt keinen Sinn.“

Endlich zog er den unter dem Sofa hervorgezogenen Socken über den Fuß. Alexander war im Grunde ein guter Ehemann: ausgeglichen, fleißig, harmoniebedürftig. Seine einzige Schwäche – die er selbst für eine Tugend hielt – war seine Mutter, Dorothea Schubert.
„Jetzt fang nicht wieder damit an“, meinte er und sah sie müde an. „Willst du andeuten, dass wir einen Poltergeist haben? Oder dass meine Mutter etwas mitnimmt? Lena, das ist doch absurd. Sie ist Rentnerin, sie kommt über die Runden. Sie gießt unsere Blumen und füttert den Kater, wenn wir arbeiten. Sie hilft uns. Und du …“
„Ich sage ja gar nichts“, unterbrach Lena ihn rasch, obwohl genau dieser Gedanke in ihr arbeitete. „Aber es ist auffällig. Immer an den Tagen, an denen sie hier war, fehlt etwas. Letzten Dienstag die Salami. Am Donnerstag das aufgetaute Hähnchenfilet für die Schnitzel. Und jetzt der Käse.“
„Vielleicht hat sie etwas umgestellt?“ Er stand auf und strich sein Hemd glatt. „Oder Finn Baumann hat es irgendwie runtergezogen?“
„Unser Kater öffnet also den Kühlschrank, entfernt eine Vakuumverpackung und versteckt die Beute? Denk doch bitte kurz nach.“
„Ich komme zu spät.“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bemüht, das Thema abzuwürgen. „Heute Abend kaufen wir neuen. Reg dich nicht auf. Meine Mutter ist ein herzensguter Mensch – sie würde ihr letztes Hemd verschenken. Und du verdächtigst sie indirekt des Diebstahls. Das ist nicht fair.“
Als die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fiel, blieb Lena im Flur zurück und setzte sich auf den kleinen Stuhl neben der Garderobe. Ein schlechtes Gewissen kroch in ihr hoch. Dorothea Schubert wirkte stets wie die Unschuld in Person: ihr abgetragenes Mäntelchen, das gestrickte Barett, die ständigen Klagen über Blutdruck und teure Medikamente. Sie wohnte nur wenige Schritte entfernt und besaß – auf Alexanders Drängen – einen eigenen Wohnungsschlüssel. Anfangs hatte Lena das praktisch gefunden. Falls einmal ein Rohr platzte oder das Bügeleisen angelassen wurde. Doch in letzter Zeit häuften sich diese „kurzen Besuche“.
Lena arbeitete als Buchhalterin in einem großen Bauunternehmen. Zahlen waren ihr Metier, Genauigkeit ihre zweite Natur. Vielleicht war es gerade dieser berufliche Instinkt, der sie nicht losließ. Einnahmen, Ausgaben – alles musste stimmen. Sie und Alexander legten Geld für ein neues Auto zurück, deshalb kalkulierte sie das Haushaltsbudget präzise. Und dennoch war der Posten für Lebensmittel in den vergangenen zwei Monaten merklich gestiegen. Das Geld verschwand – und der Kühlschrank blieb trotzdem halb leer.
Am selben Abend ging sie nach Feierabend noch in den Supermarkt. Die Preise ließen sie schlucken. Vor der Fleischtheke überlegte sie lange, ehe sie ein Stück Braten auswählte – Alexander liebte belegte Brote zum Frühstück. Schließlich entschied sie sich für eine kleinere Portion. Sparen bedeutete inzwischen Verzicht: statt ihres Lieblingsjoghurts wanderte Kefir in den Wagen, statt Lachs nur günstiger Seelachs.
Zuhause räumte sie alles sorgfältig ein. Diesmal jedoch mit einem Plan. Sie nahm einen wasserfesten Stift und setzte winzige, kaum sichtbare Punkte unter den Boden des teuren Pastetenglases und auf die Verpackung der Butter. Es fühlte sich albern an, beinahe kindisch – wie eine Detektivin im eigenen Haushalt. Aber sie brauchte Gewissheit.
Die folgenden zwei Tage verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Dorothea Schubert ließ sich nicht blicken.
