Theresa Koch wich meinem Blick aus und begann, nervös die Tischkante abzutasten, als hätte sie dort plötzlich etwas Hochinteressantes entdeckt.
„Ach, was verstehst du schon mit deinen Kliniken und Formularen! Diese ganzen angeblich kostenlosen Behandlungen – am Ende kommt man kränker wieder heraus, als man hineingegangen ist. Und ich brauche Hilfe sofort, nicht irgendwann! Es geht um… nun ja… um ein energetisches Ungleichgewicht meines Körpers. Ein Spezialist hat festgestellt, dass mein Immunsystem geschwächt ist und der Blutdruck nur stabilisiert werden kann, wenn ich bestimmte Edelmetalle und seltene Steine in Kopfhöhe trage. Das ist eine uralte Heilmethode, wissenschaftlich bestätigt!“
Jonas Lang, der bislang still zugehört hatte, klappte seinen Laptop mit bedächtiger Ruhe zu. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich – die Wärme wich, zurück blieb etwas Hartes, Abwartendes.
Ich lehnte mich entspannt zurück und konnte mir ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. Das Schauspiel war so durchsichtig, dass es fast schon unterhaltsam wurde.
„Edelsteine auf Ohrläppchenhöhe? Theresa Koch“, erwiderte ich sachlich, „ich spreche hier als Medizinerin: In den Ohrläppchen befinden sich weder geheimnisvolle Lebenspunkte noch Druckzentren für ewige Jugend. Dort gibt es Fettgewebe, etwas Knorpel und feine Blutgefäße – mehr nicht. Der einzige Druck, den Diamanten zuverlässig erhöhen, ist der Blutdruck neidischer Nachbarinnen. Haben Sie diese brillante Theorie aus einem Gratisblatt vom Supermarktparkplatz oder hat Greta Böhm ihre neuesten Errungenschaften vorgeführt?“
Meine Schwiegermutter lief rot an. Ihr sorgsam gesponnenes Konstrukt bekam sichtbare Risse.
Greta Böhm war im gesamten Viertel bekannt – allerdings nicht wegen besonderer Integrität. Ihr Talent bestand darin, Luftschlösser zu verkaufen und andere für ihre Bequemlichkeit bezahlen zu lassen. Erst vor wenigen Tagen hatte sie Theresa mit funkelnden Ohrringen beeindruckt und ganz unverblümt erzählt, wie geschickt sie ihre Schwiegertochter dazu gebracht hatte, tief in die Tasche zu greifen.
„Was hat denn Greta damit zu tun?!“ fauchte Theresa und verriet sich damit mehr, als ihr lieb war. „Immerhin kümmern sich ihre Kinder um sie! Sie haben ihr wunderschöne Diamantstecker geschenkt! Und seitdem geht es ihr blendend. Aber mein eigener Sohn investiert lieber in Beton und Wände und vergisst seine Mutter! Ich habe dich großgezogen, Jonas, schlaflose Nächte gehabt, auf alles verzichtet – und jetzt sind euch ein paar Euro für meine Gesundheit zu viel?“
Als sie merkte, dass Pathos allein nicht zog, wechselte sie abrupt die Strategie. Die Empörung verschwand, stattdessen legte sich ein übertrieben süßes Lächeln auf ihr Gesicht.
„Emma, mein Kind“, säuselte sie mit honigsatter Stimme, „ich bitte doch nicht aus Eigennutz. Gestern war ich beim Notar. Ich habe beschlossen, dir unser Familienhaus in Brixen im Thale zu überschreiben. Jonas hat doch nichts übrig für Beete und Obstbäume, aber du bist praktisch veranlagt, ordentlich, verantwortungsbewusst. Überweise mir heute dein Gehalt für die Behandlung, und nächste Woche machen wir alles offiziell. Dann gehört dir das Anwesen ganz allein.“
Fast hätte ich laut gelacht. Ein Lehrbuchbeispiel für emotionale Erpressung. Erst eine dramatische Krankheit, dann das Versprechen eines kleinen Vermögens. Und später – selbstverständlich – ein unerwartetes Hindernis: verlorene Unterlagen, plötzlicher Schwindel, verschobene Termine.
Wilhelm Schulz, der bislang schweigend seinen kräftigen Schwarztee getrunken hatte, stellte die Tasse mit einem leisen Klirren ab. Ein trockenes Schnauben entwich ihm, während sein Blick ins Dunkel hinter dem Fenster wanderte.
„Wissen Sie, Theresa“, begann er bedächtig, „das erinnert mich an eine Geschichte aus unserer alten Werkstatt…“
