Elisabeth Vogel saß am Küchentisch, den in ein großes Badetuch gewickelten Felix Friedrich behutsam im Arm. Das Kind schlief tief und ruhig, seine Lippen zuckten gelegentlich in einem zufriedenen Saugreflex. Auf dem Gesicht der älteren Frau lag ein Ausdruck zwischen Erstarrung und Fassungslosigkeit.
„Emilia …“ Ihre Stimme versagte beinahe. „An seiner linken Schulter. Da ist ein Muttermal. Wie ein kleines Ahornblatt. Genau so eines hatte Leon.“
Emilia nickte nur und ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken. Es war, als ob ihr Körper plötzlich jedes letzte bisschen Kraft verlor.
„Ja“, sagte sie leise. „Er ist Ihr Enkel. Felix. Leon wusste nichts davon. Ich wusste es selbst noch nicht, als er ging.“
„Ging …“ Elisabeth wiederholte das Wort mit bitterem Unterton. In ihren Augen flackerte ein alter Schmerz auf, den Emilia nur zu gut kannte. „Er ist nicht gegangen. Man hat ihn geholt.“
Mit beinahe monotoner Stimme, den Blick auf ein Regal voller eingeweckter Gurken und Marmeladengläser gerichtet, erzählte sie die Geschichte, die Emilia bislang nur in einer ganz anderen Version gehört hatte. Von der plötzlichen Sonderprüfung in der Firma, in der Leon als junger, ehrgeiziger Finanzchef gearbeitet hatte. Von angeblich entdeckten Unregelmäßigkeiten in Millionenhöhe. Wie sämtliche Spuren schließlich auf ihn zeigten – lückenlos, sauber inszeniert.
Leon habe begriffen, dass man ihm eine Falle gestellt hatte. Doch statt Emilia mit hineinzuziehen, habe er sich entschieden, alles abzubrechen. Er rechnete mit mindestens fünf Jahren Haft. Also spielte er die Rolle des kalten, untreuen Mannes. Sagte ihr, sie solle ihn vergessen, sich jemand Besseren suchen, glücklich werden. „Die Beweise waren perfekt konstruiert“, flüsterte Elisabeth. „Und ich bin überzeugt, dass Jonas Baumann dahintersteckt. Er war immer neidisch auf Leon. Und auf dich hat er schon damals geschielt, nur traute er sich nicht, solange ihr zusammen wart.“
„Beweisen kann ich es nicht“, fügte sie hinzu und wiegte das schlafende Kind sanft. „Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Leon sitzt seit anderthalb Jahren. Ich besuche ihn, so oft ich kann, aber er ist gebrochen. Und ich dachte … ich glaubte wirklich, du hättest mit Jonas dein Glück gefunden. Er kam zu mir, erzählte, er unterstütze dich, ihr stündet in Kontakt. Ich dachte, vielleicht ist es besser so. Und nun …“
„Er hat mich geheiratet“, sagte Emilia dumpf. „Er sprach von Liebe. In Wahrheit wollte er nur, dass ich Felix weggebe. Vorhin hat er es ganz offen gesagt: ‚Gib ihn her. Das ist dein Problem.‘“
Elisabeth schloss die Augen, dann stand sie abrupt auf, griff in den Schrank, zog eine Flasche Baldriantropfen hervor und nahm einen kräftigen Schluck direkt aus dem Glas.
„Ein Monster“, murmelte sie heiser. „Kalt, berechnend. Und dein Wohnungsbrand … hast du wirklich geglaubt, das sei Zufall gewesen?“
Emilia fröstelte. Sie hatte nicht gedacht – sie war schlicht zu erschöpft gewesen. Doch nun fügten sich die Teile zu einem schrecklichen Bild zusammen. Jonas hatte Leon aus dem Weg geräumt. Jonas hatte sie obdachlos gemacht. Jonas hatte sich als Retter angeboten – zu seinen Bedingungen. Und jetzt forderte er den endgültigen Preis: ihren Sohn.
„Was soll ich tun?“, fragte sie leise. Es war weniger eine Frage an Elisabeth als an das Schicksal selbst. „Er wird mich hier finden. Er wird anrufen, drohen. Mit ihm stimmt etwas nicht. Er hört nicht auf.“
„Wir müssen Beweise sammeln“, sagte Elisabeth plötzlich mit fester Stimme. „Drohungen, Geständnisse. Ich kenne jemanden – einen pensionierten Ermittler, ein Freund meines verstorbenen Mannes. Er kann uns beraten. Du musst Jonas zum Reden bringen. Alles aufnehmen.“
Der Plan war gefährlich, beinahe waghalsig. Doch eine Alternative gab es nicht.
Am nächsten Morgen begann, wie erwartet, das Telefon zu klingeln. Zuerst klang Jonas beschwichtigend. „Emilia, komm zurück. Ich liebe dich. Ich war nur überfordert, verzeih mir.“ Als sie schwieg, kippte sein Ton. Die Worte wurden schmutzig, aggressiv. Emilia stellte das Handy auf Lautsprecher, während Elisabeth, bleich und angespannt, jedes Gespräch mit einem alten Diktiergerät aufzeichnete.
„Ich finde dich, verstehst du?“, schrie er. „Glaubst du, du kannst dich verstecken? Ich habe alles für dich getan! Alles! Leon ins Gefängnis gebracht, deine Wohnung angezündet, damit du nirgendwohin kannst! Du gehörst mir! Entweder du kommst zurück, oder ich sorge dafür, dass du und dein Bastard—“
Seine Stimme überschlug sich, wurde unkontrolliert, beinahe wahnsinnig.
Zwei Tage später, auf Anraten des pensionierten Ermittlers, stimmte Emilia einem Treffen zu. Ein Café nahe der U-Bahn, gut besucht zur Mittagszeit. In ihrer Handtasche lief das Aufnahmegerät. An den Nebentischen saßen unauffällige Männer aus der Abteilung für häusliche Gewalt – Bekannte des alten Ermittlers.
Jonas stürmte herein wie ein Unwetter. Unrasiert, mit geröteten Augen, das nasse Mantelgewebe hing schwer an ihm. Als er Emilia entdeckte, riss er beinahe einen Stuhl um, so hastig kam er auf sie zu.
„Wo warst du?“, fuhr er sie an. „Zu Hause ist es kalt, nichts zu essen! Du kommst sofort mit!“
„Ich komme nicht zurück, Jonas. Es ist vorbei.“
Er lachte schrill auf, ein kurzes, hysterisches Bellen. Er beugte sich dicht zu ihr; Alkohol und kalter Schweiß schlugen ihr entgegen.
„Vorbei? Wir haben doch gerade erst angefangen! Weißt du, was mich das gekostet hat? Diesen Leon, diesen Saubermann, reinzureiten? Der war geschniegelt bis in die Fingerspitzen, hat jede einzelne Unterlage zehnmal überprüft …“
