„Bring dieses Geschrei endlich zum Schweigen!“ fauchte Jonas und stürmte ins Zimmer, während Emilia sich an den verzweifelt weinenden Säugling klammerte

Diese kalte Gleichgültigkeit ist abscheulich und unerträglich.
Geschichten

Die Hochzeit im Standesamt hatte sich für sie angefühlt wie ein Gang zur Hinrichtung – und doch hatte sie sich an einen winzigen Rest Hoffnung geklammert. Vielleicht würde es diesmal anders werden. Vielleicht entstünde so etwas wie ein Zuhause. Vielleicht hätte ihr Sohn einen Vater, der blieb.

Jetzt war von diesen Vorstellungen nichts mehr übrig als Staub. Jonas Baumann wollte keine Familie. Er wollte sie – und zwar ohne Gepäck. Ohne Erinnerungen, ohne Bindungen. Eine Frau wie ein unbeschriebenes Blatt. Doch Felix Friedrich war kein ausradierbarer Fleck, sondern ein atmendes, schreiendes Stück ihrer Vergangenheit. Und genau das konnte Jonas nicht ertragen.

An jenem Abend hatte er getrunken. Erst Bier, dann Cognac. Mit jedem Glas wurde seine Stimme lauter, sein Blick härter. Mehrmals schlich er ins Kinderzimmer, blieb im Türrahmen stehen und starrte auf das schlafende Baby. In seinen Augen lag etwas, das Emilia den Magen verkrampfen ließ.

„Schläft der kleine Bastard endlich?“, murmelte er. „Wehe, er fängt wieder an zu brüllen. Hörst du, Emilia? Hier soll Ruhe sein. Sonst sorge ich selbst dafür.“

Er hatte sie noch nicht geschlagen. Noch nicht. Aber die Möglichkeit hing zwischen ihnen wie dichter Rauch. Spürbar. Erdrückend.

Als er schließlich betrunken aufs Sofa sank und in schweres Schnarchen verfiel, blieb Emilia reglos stehen. Sie wagte kaum zu atmen. Erst nach einigen Minuten löste sich die Starre in ihr. Dann handelte sie.

Seit seinen ersten Wutausbrüchen vor Wochen hatte sie vorgesorgt. Hinter dem Garderobenschrank stand eine gepackte Tasche: Windeln, zwei Gläschen Brei, Milchpulver, Fläschchen, Wasser, Feuchttücher, Ersatzkleidung für Felix, ihr eigener Pullover, Dokumente. Und das Geld, das sie heimlich beiseitegeschafft hatte – Euro für Euro zusammengespart, ein paar Tausend insgesamt.

Sie zog Felix, der inzwischen unruhig wurde, eine warme Decke über, schlüpfte in ihren alten Daunenmantel und nahm die Tasche. Auf Zehenspitzen schlich sie in den Flur. Die Schlüssel lagen auf der Kommode. Kein Knarren? Kein Geräusch? Ihr Herz pochte so laut, dass es in ihren Ohren dröhnte.

Draußen empfing sie der November. Noch kein richtiger Schnee, aber dieses widerliche Gemisch aus Regen und nassem Graupel, das einem durch die Kleidung kriecht. Der Wind riss die letzten Blätter von den Bäumen. Die Straße glänzte schwarz im Licht der Laternen.

Emilia presste Felix an sich und lief. Weg. Einfach nur weg. Fort von dem Haus in dieser stillen Villengegend mit den hohen Zäunen, in die Jonas sie „wegen der Ruhe“ gebracht hatte.

Ihre Stiefel füllten sich mit Wasser, jede Pfütze sog an ihren Füßen. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Felix begann zu weinen – erschrocken vom Tempo, von der Kälte.

„Ganz ruhig, mein Schatz… alles ist gut“, flüsterte sie, obwohl sie selbst nicht daran glaubte.

Sie steuerte die Wohnblocks an, wo Licht in Fenstern brannte, wo Menschen waren, wo man untertauchen konnte. Nach einer halben Stunde war sie völlig erschöpft. Unter dem Vordach eines geschlossenen Kiosks blieb sie stehen, zitternd am ganzen Körper. Mit klammen Fingern zog sie ihr Handy hervor.

Wen anrufen? Enge Freunde hatte sie keine. Lina Hermann aus dem Heim war vor Monaten zu einer Tante aufs Land gezogen und hatte sie eingeladen mitzukommen – doch das war weit entfernt, ohne Geld für Tickets unerreichbar.

Es blieb nur eine Adresse. Ein dünner, fast durchsichtiger Faden Hoffnung.

Sie wählte die Nummer, die sie noch aus der Zeit mit Leon Krüger kannte. Es dauerte lange, bis jemand ranging.

„Ja?“ Die Stimme klang verschlafen und rau.

„Frau Vogel? Hier ist… Emilia. Emilia Lange. Leons… frühere Freundin. Erinnern Sie sich? Es tut mir leid, dass ich so spät anrufe. Aber ich… ich weiß nicht mehr wohin.“

Stille am anderen Ende. Dann ein hörbares Einatmen.

„Emilia? Was ist passiert? Wo bist du?“

„Draußen. Mit meinem Kind. Mit Ihrem… Enkel. Bitte. Darf ich zu Ihnen kommen? Nur für eine Nacht. Ich flehe Sie an.“

Wieder Schweigen. Emilia umklammerte das Telefon, bis ihre Finger weiß wurden.

„Du kennst die Adresse noch? Ruf dir ein Taxi. Ich bezahle es, wenn du hier bist. Komm.“

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie über die App ein Taxi bestellte. Felix, gewärmt von ihrer Körperhitze, wurde ruhiger. Der Wagen traf schnell ein. Als sie einstieg, umwehte sie der Geruch von Lufterfrischer und fremder Wärme. Sie warf einen letzten Blick auf die regennasse Straße. Niemand zu sehen. Er schlief noch. Sie hatte einen Vorsprung.

Elisabeth Vogel öffnete die Tür nicht im Morgenmantel, sondern in einem alten Trainingsanzug, als hätte sie auf diesen Moment gewartet. Ihr Gesicht wirkte müde, erschrocken – doch ihre Augen, dieselben wie Leons, musterten Emilia aufmerksam.

„Schnell, komm rein, du bist ja völlig durchnässt. Gib mir das Kind.“

Behutsam, aber bestimmt nahm sie Felix aus Emilias steifen Armen. Im Flur roch es nach Katze, Kamillentee und alten Büchern – ein Duft aus einer anderen Zeit, der Emilia unerwartet vertraut war.

„Ab ins Bad mit dir. Heiß duschen“, ordnete Elisabeth an, während sie Felix auswickelte. „Für Babysachen muss ich improvisieren, aber das kriegen wir hin.“

Emilia gehorchte wortlos. Das heiße Wasser brannte auf ihrer kalten Haut und spülte Regen, Angst und Erschöpfung hinunter in den Abfluss. Lautlos weinte sie unter dem Strahl. Eine Nacht war nur eine Pause. Morgen würde die Frage wieder vor ihr stehen. Zurückgehen war keine Option. Das wäre ihr Ende – und das ihres Sohnes.

Als sie schließlich, in einen alten geblümten Bademantel gehüllt, in die Küche trat, herrschte dort eine eigentümliche Stille.

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