— Bring dieses Geschrei endlich zum Schweigen! Dein Balg brüllt schon wieder! Ich kann so nicht arbeiten!
Jonas Baumann stürmte ins Zimmer, die Tür krachte mit voller Wucht gegen die Wand. Sein Gesicht war verzerrt, in seinen Augen loderte eine fahle, blinde Wut, die Emilia Lange einen Schauer über den Rücken jagte.
Sie zog die Schultern hoch, presste Felix Friedrich enger an sich. Der Kleine weinte so heftig, dass er kaum Luft bekam. In ihrer Kehle saß ein heißer, brennender Kloß. Eine Woche. Gerade einmal sieben Tage trug sie diesen schlichten, noch ungewohnten Ehering. Vorher war Jonas anders gewesen: sanfter im Ton, behutsam in seinen Bewegungen, seine Worte süß und beruhigend wie warmer Honig. Jetzt blickte er sie und das Baby an, als wären sie etwas Lästiges, das man am liebsten im nächsten Abfalleimer entsorgen würde.
— Ich stille ihn gleich, dann beruhigt er sich, — flüsterte sie kaum hörbar. — Es tut mir leid, dass er stört.
— Stört? Meine Mutter schluckt seit zwei Tagen Beruhigungstropfen, ihr Blutdruck spielt verrückt! Und ich schleppe mich wie ausgewrungen zur Arbeit! Wie lange soll das noch gehen? Ich dreh noch durch!

Er baute sich vor ihr auf, breit, das Licht vom Fenster abschneidend. Er roch nach starkem Kaffee und nach etwas Scharfem, Fremdem — vielleicht Anspannung, vielleicht Abscheu. Emilia fühlte sich schuldig, ohne zu wissen, worin ihre Schuld bestehen sollte. Hatte sie Felix nicht rechtzeitig gewiegt? War ihre Milch nicht gut genug? Hatte sie die Windeln falsch gewechselt? Er war erst drei Monate alt. Seine einzige Sprache war das Weinen — wegen Bauchschmerzen, Hunger, Sehnsucht nach Nähe. Wie sollte sie das erklären?
— Jonas… er ist doch noch ein Baby, — begann sie zaghaft und biss sich sofort auf die Lippe. Worte prallten an ihm ab.
— Ein Baby! Genau! — Sein spöttisches Schnauben klang schlimmer als ein Schrei. — Dein Baby. Und hier will es keiner haben. Hast du mich verstanden? Keiner! Ich kann dieses Geheul nicht mehr hören, diesen Geruch nach Erbrochenem und Windeln. Und dass du ständig an ihm klebst! Wir sind jetzt verheiratet. Mann und Frau. Oder dachtest du, ich werde auf Lebenszeit Kindermädchen für deinen Nachwuchs spielen?
Emilia wiegte schweigend ihr Kind und starrte auf den grauen Linoleumboden mit seinen abgeplatzten Stellen, die sie längst auswendig kannte.
— Hör zu, — sagte Jonas schließlich leiser, doch seine gedämpfte Stimme wirkte nur bedrohlicher. — Es gibt eine einfache, vernünftige Lösung. Gib ihn weg. Ins Heim, in Pflege — mir egal. Dort kümmern sie sich um ihn. Und wir fangen endlich an zu leben. Richtig zu leben. Du bleibst zu Hause, kümmerst dich um Blumen, gehst zum Yoga. Ich sorge für alles. Aber mit ihm wirst du nie aus diesem Loch herauskommen. Er ist dieses Loch.
Langsam hob sie den Blick. Der Mann vor ihr war ihr fremd. Nichts erinnerte an denjenigen, der im Krankenhaus neben ihr gesessen hatte, nachdem ihre Wohnung bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Damals hatte sie auf dem Rand des Bettes gehockt, Felix im Arm, in einer alten Strickjacke. Jonas hatte versprochen, Verantwortung zu übernehmen, Vater zu sein, für sie beide zu sorgen. Seine Augen waren feucht gewesen, seine Stimme aufrichtig.
— Du hast es versprochen, — hauchte sie. Ihre Stimme zitterte.
— Versprochen? — Er lachte trocken, griff nach seiner Zigarettenschachtel. — Ich habe zugesagt, mich um dich zu kümmern. Um dich, Emilia! Er ist dein Problem. Also löse es. Du hast doch außer mir niemanden. Deine Wohnung ist abgebrannt, du bist selbst im Heim groß geworden, deine Freundinnen kämpfen ums Überleben. Willst du mit ihm auf der Straße landen? Das Jugendamt nimmt ihn dir sofort weg, das schaffst du doch gar nicht allein. Ich dagegen kann dir alles bieten. Aber nur ohne ihn.
Er verließ den Raum und hinterließ eine schwere, drohende Stille.
Emilia rührte sich nicht, bis Felix erschöpft an ihrer Schulter einschlief. In ihrem Kopf hämmerten die Worte: Heim. Weggeben. Problem. Sie strich über seine winzige Hand mit den kleinen Grübchen über den Knöcheln. Ein Teil von ihr. Ihn verraten? Abgeben wie einen Gegenstand?
Doch wohin sollte sie sonst? Heimkindheit, dann Berufsschule, ein Job im Salon für ein paar Euro bar auf die Hand, das Zusammenleben mit Leon Krüger… Leon. Charmant, unbeschwert, flatterhaft. Als sie ihm von der Schwangerschaft erzählte, war er verschwunden. Am Telefon hatte er nur gesagt: „Lass es, Emilia. Klammer dich nicht fest. Ich ziehe dich mit runter.“ Danach war er weg.
Sie blieb allein zurück in ihrer kleinen Einzimmerwohnung am Stadtrand. Geburt, kümmerliche Beihilfen, gerade genug Geld für Milchpulver. Und dann das Feuer. Angeblich ein Kabelbrand. Von der Wohnung blieben verkohlte Wände und beißender Rauchgeruch. Dass sie mit Felix gerade beim Kinderarzt gewesen war, rettete ihnen das Leben. Doch ein Zuhause hatten sie nicht mehr.
Da tauchte Jonas auf, ein alter Bekannter aus der Clique von Leon. Mit einer Packung Windeln und Gläschen in der Hand. Mitfühlend, aufmerksam. „Ich habe dich immer gemocht, Emilia“, hatte er gesagt. „Leon ist ein Idiot. Gib mir die Chance, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich regel das.“
Und sie, betäubt von Angst und Verlust, klammerte sich an diese Worte. Verzweiflung ist ein schlechter Ratgeber, und dennoch glaubte sie damals, endlich einen Ausweg gefunden zu haben.
