In ihrer Hochzeitsnacht verriegelte der Schwiegervater die Tür, zog achthunderttausend Euro hervor und sagte mit belegter Stimme: „Nimm das Geld, zieh dich um und verschwinde durch den Hinterausgang. Sofort. Keine Fragen.“ – „Michael Braun, was soll das?“ – „Ich kann es nicht erklären. Lauf, Mädchen. Lauf.“
Sie sind schon da. – Wer? Ich verstand nichts, doch ich gehorchte. Und genau dieser Entschluss rettete mir das Leben.
Gegen Mitternacht hatten sich die letzten Gäste verabschiedet. Mia Krause saß endlich allein im Schlafzimmer im oberen Stockwerk und ließ sich erschöpft auf die Bettkante sinken. Acht Stunden in hohen Schuhen ließen ihre Beine schmerzen. Alexander Möller war noch unten, um einige Verwandte zu verabschieden, und kam nicht zurück. Gedämpfte Stimmen, vereinzeltes Lachen und das Zuschlagen von Türen drangen aus dem Erdgeschoss herauf.
Das mit Perlen bestickte Brautkleid lag wie eine helle Wolke über dem Sessel. Mia hatte es bereits abgelegt und trug nun einen seidigen Morgenmantel. Vor dem alten Schminktisch mit angelaufenem Spiegel betrachtete sie ihr Spiegelbild und versuchte zu begreifen, dass all das nun ihr Leben sein sollte: das Haus bei Bremen, das rauschende Fest mit hundert Gästen, der goldene Ring an ihrem Finger.
Als das Schloss klickte, lächelte sie erwartungsvoll – doch im Türrahmen stand nicht Alexander, sondern ihr Schwiegervater. Michael Braun, zweiundsechzig, breit gebaut, graue Schläfen, Hände, die von jahrzehntelanger Arbeit gezeichnet waren.
Er schloss die Tür hinter sich ab und drehte den Schlüssel im Schloss. Unwillkürlich griff Mia nach dem Morgenmantel, der über der Stuhllehne hing, und presste ihn an sich.

„Michael Braun, was ist passiert?“
Statt zu antworten, ging er langsam zum Schreibtisch am Fenster, beugte sich vor und zog eine der Schubladen auf.
