— Warum kommt ihr ausgerechnet zu mir? Ihr habt doch eure Lieblingstochter, der ihr sogar eine Wohnung geschenkt habt!
Sophia Schmitt stand am Fenster ihres Büros im dreiundzwanzigsten Stock und ließ den Blick über die Stadt schweifen. Von hier oben wirkte alles geordnet, beinahe wie ein Schachbrett. Die Straßen zogen sich in klaren Linien durch die Häuserschluchten, Autos krochen wie kleine Blechspielzeuge dahin, Menschen erschienen als winzige Punkte. Selbst Sorgen schienen aus dieser Höhe handhabbar, fast belanglos.
Nur heute nicht.
Heute war das Problem mit dem Aufzug nach oben gefahren und saß nun im Empfangsbereich, wartend, bis die Assistentin es hereinbitten würde.
— Frau Schmitt, Ihre Eltern sind da — meldete sich Lina Baumann zögerlich über die Gegensprechanlage. In den drei Jahren, die sie hier arbeitete, hatte sie noch nie Familienbesuch im Büro ihrer Chefin erlebt.

— Ich weiß. Geben Sie mir bitte fünf Minuten.
Sophia drehte sich vom Fenster weg, strich gedankenverloren über die ohnehin perfekt gestapelten Aktenordner auf ihrem Schreibtisch und atmete tief durch. Ein, aus. Gefühle zu beherrschen hatte sie früh gelernt. Schon als Kind verstand sie, dass Tränen nichts änderten und Verletzungen einen nur angreifbar machten.
Meine Eltern.
Seltsam, dass dieses Wort noch immer ein leichtes Ziehen unter ihren Rippen auslöste, als stecke dort ein Splitter, der sich nie ganz entfernen ließ. Groll empfand sie längst keinen mehr. Sie wusste, dass beide nach bestem Wissen gehandelt hatten. Doch Verstehen bedeutete nicht Vergessen.
Die Schwierigkeiten hatten begonnen, noch bevor sie überhaupt geboren war.
Ihre Mutter erzählte diese Geschichte selten — meist nach zwei Gläsern Wein auf irgendeiner Familienfeier, wenn die Zurückhaltung bröckelte. „Dein Vater und ich hatten keine Heiratspläne“, sagte sie dann und blickte an den Anwesenden vorbei ins Leere. „Wir trafen uns einfach. Ich studierte Germanistik und wollte Lehrerin werden. Er arbeitete in einem Betrieb und träumte ebenfalls vom Studium. Und dann stellte sich heraus, dass ich schwanger war. Deine Großmutter meinte, es wäre eine Schande, nicht zu heiraten.“
Also fand die Trauung im Standesamt statt. Zwanzig Gäste, eine schlichte Torte, ein paar Flaschen Sekt. „Glücklich waren wir damals nicht wirklich“, fügte die Mutter nüchtern hinzu.
Sophia erinnerte sich gut an die kleine Wohnung am Stadtrand, in der sie aufwuchs: zwei enge Zimmer, niedrige Decken, stets ein Gefühl von Enge. Ihr Vater nahm zwei Jobs an, die Mutter gab Nachhilfe und putzte nebenbei Treppenhäuser. Trotzdem reichte das Geld kaum. Nachts flüsterten sie in der Küche, manchmal hörte Sophia ihre Mutter weinen, während eine Tür heftig ins Schloss fiel.
Einmal, sie war vielleicht neun, sagte die Mutter beiläufig:
— Wegen dir habe ich mein Studium nicht beendet. Ich musste im dritten Semester aufhören. Wir hatten kein Geld.
Es war kein Vorwurf, eher eine Feststellung, kühl wie ein Wetterbericht. Damals verstand Sophia nicht, weshalb diese Worte so brannten. Aber sie vergaß sie nie. Jahre später begriff sie: Sie war das ungeplante Kind gewesen, das zwei junge Menschen in ein Leben drängte, für das sie noch nicht bereit waren. Sie heirateten ohne Liebe, tauschten Hörsäle gegen Schichtarbeit.
Es war eine harte Zeit.
Mit den Jahren jedoch stabilisierte sich alles. Ihr Vater erhielt eine Beförderung, die Mutter fand eine feste Anstellung in einer Fabrik. Sie zogen in eine größere Drei-Zimmer-Wohnung in einem besseren Viertel. Sophia war elf, als sich ihr Leben erneut veränderte.
Julia Lehmann kam zur Welt.
Dieses Kind war gewollt. Geplant. Für sie kauften die Eltern vorab Spielzeug, strichen ein eigenes Zimmer, diskutierten lange über den passenden Namen. Als Julia geboren wurde, schien sämtlicher früherer Mangel vergessen. Der Vater schob stundenlang den Kinderwagen durch den Park, die Mutter sang abends leise Lieder am Bettchen. In ihren Blicken lag ein Stolz und eine Zärtlichkeit, die Sophia so nie erfahren hatte.
— Sie soll es einmal besser haben als wir — sagte der Vater oft. — Sie soll studieren, etwas aus sich machen. Wir werden alles dafür tun.
Und sie taten es. Julia erhielt Klavierunterricht, später Englischkurse und Ballettstunden. Sie bekam hübsche Kleider, neues Spielzeug, Bücher in Hülle und Fülle — während Sophia früh lernte, zurückzustecken und sich mit dem zu begnügen, was übrig blieb.
