„…Liebe“, schluchzte sie und klammerte sich mit beiden Händen an die Autotür, als hinge ihr eigenes Leben daran. „Ich wollte doch nur, dass es euch gut geht. Ich habe mir Sorgen gemacht!“
„Sie haben sich um Ihren Sohn gesorgt“, erwiderte ich ruhig. „Nicht um uns. Ausschließlich um ihn.“
In diesem Moment flog die Haustür auf. Alexander Hermann stürmte heraus – ohne Mantel, in Hausschuhen, völlig außer Atem. Als er seine Mutter an meinem Wagen sah, lief er los.
„Katharina, warte!“ Er drängte Franziska Simon zur Seite und packte den Türgriff. „Fahr nicht weg. Bitte.“
Durch die Scheibe sah ich sein Gesicht: kalkweiß, die Augen voller nackter Angst.
„Alexander, lass los.“
„Nein! Ich kann dich nicht einfach gehen lassen. Wir müssen reden!“
„Das haben wir bereits.“
„Wegen des Geldes?“ Er fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. „Ich weiß doch, dass du es selbst verdient hast. Wirklich, ich finde das großartig. Ich bin stolz auf dich. Wir könnten es investieren. Eine größere Wohnung kaufen. Oder ein Haus. Du wolltest doch immer ein Haus mit Garten!“
In mir fiel etwas endgültig in sich zusammen. Sogar jetzt – in diesem Augenblick – sprach er von Investitionen. Nicht von uns. Nicht davon, dass er mich verliert. Sondern von Besitz.
„Alexander“, sagte ich betont gelassen, „tritt vom Wagen zurück. Ich bitte dich ein letztes Mal freundlich.“
„Katharina, ich liebe dich!“ Die Worte schossen aus ihm heraus, doch sie klangen hohl, wie eine schlecht gelernte Textzeile.
Wann hatte er mir das zuletzt gesagt? Vor einem Jahr? Zwei? Nebenbei gemurmelt, kurz vorm Einschlafen, ohne den Blick vom Handy zu heben?
„Lass los.“
Er blieb stehen, die Finger krampfhaft um den Griff geschlossen. In seinen Augen lag Verzweiflung – aber es war die Panik eines Menschen, dem etwas Wertvolles entgleitet. Kein geliebter Mensch. Eher Eigentum.
„Alexander!“ Franziska packte ihn am Arm. „Geh auf die Knie! Entschuldige dich!“
Er sah erst sie an, dann mich. Und tatsächlich – er sank auf den nassen Asphalt, direkt vor dem Wagen, die Hausschuhe durchnässt. Die Hände faltete er flehend.
„Katharina, ich bitte dich. Geh nicht. Ich ändere mich. Wir kriegen das wieder hin. Ich werde anders, ich verspreche es!“
Vor dem Eingang blieben Nachbarn stehen. Neugierige Blicke. Jemand zückte bereits das Smartphone. Der Taxifahrer räusperte sich verlegen.
„Gnädige Frau, vielleicht sprechen Sie doch noch mal mit ihm? Der Kerl ist ja völlig…“
Ich drückte den Knopf. Die Scheibe glitt lautlos nach oben.
„Fahren Sie.“
„Katharina!“ Alexander sprang auf, hämmerte gegen das Fenster. „Tu das nicht! Bitte!“
Seine Mutter hing an seinem Ärmel, weinte, redete auf ihn ein. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein paar Meter lief er noch hinterher, dann blieb er zurück.
Im Rückspiegel sah ich ihn mitten im Hof stehen, während Franziska wild gestikulierte. Dann verschwanden sie hinter der Kurve.
„Das ist nicht leicht für Sie“, meinte der Fahrer mitfühlend.
Ich lehnte den Kopf an die Sitzlehne. Tränen liefen mir über die Wangen – doch es waren keine Tränen des Schmerzes.
„Wissen Sie“, sagte ich leise, „zum ersten Mal seit Jahren fühlt es sich leicht an.“
Er nickte respektvoll und schwieg.
Kaum erreichten wir die Hauptstraße, vibrierte mein Telefon pausenlos. Alexander. Franziska. Wieder Alexander. Ich stellte es stumm.
Eine Nachricht stach hervor – von Leon Hartmann: „Und? Ist alles ruhig verlaufen?“
Ich tippte zurück: „Ja. Alles gut gegangen. Danke dir für deine Unterstützung.“
Seine Antwort kam sofort: „Bleib stark. Und wenn irgendwas ist – ich bin erreichbar.“
Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. Leon war immer fair gewesen. Und loyal.
Das Hotel, zu dem ich mich bringen ließ, war klein, aber charmant. Zentral gelegen, direkt am Park. Ich buchte ein Zimmer für eine Woche – genug Zeit, um eine Wohnung zu finden und die Formalitäten zu klären.
Als die Zimmertür hinter mir ins Schloss fiel, setzte ich mich aufs Bett und sah mich um. Sauberkeit. Stille. Niemand, der meine Entscheidungen kommentierte. Niemand, der jeden Satz seziert.
Das Handy vibrierte erneut. Alexander – der siebenunddreißigste Anruf. Ich blockierte seine Nummer. Danach auch die von Franziska Simon.
Morgen würde ich einen Anwalt kontaktieren und die Scheidung einreichen. Übermorgen ein Treffen mit einer Maklerin vereinbaren. Das Leben ging weiter.
Ich trat ans Fenster. Unter mir leuchteten die Straßenlaternen, Menschen eilten durch die Nacht, jeder mit seinem eigenen Ziel. Irgendwo dort draußen stand Alexander Hermann und begriff vielleicht langsam, was er verloren hatte. Irgendwo saß Franziska Simon und musste erkennen, dass ihre Schwiegertochter stärker war, als sie dachte.
Und ich stand hier, den Blick erhoben, die Schultern gerade.
Nach acht Jahren wusste ich es endlich mit absoluter Klarheit:
Ich war frei.
