„…uns heute mal ein bisschen verwöhnen“, brachte er den Satz mit übertriebener Fröhlichkeit zu Ende und begann, die Einkäufe auf dem Küchentisch auszubreiten. „Wir machen uns einen schönen Familienabend. Zusammen essen, in Ruhe reden, ja?“
Sophie Kraus hob langsam den Blick über den Buchrand hinweg. Sie durchschaute das Manöver sofort. Das hier war kein liebevoller Versöhnungsversuch. Es war die Ouvertüre zu einer Verhandlung, bei der sie auf der Anklagebank sitzen sollte – und das edle Fleisch diente lediglich dazu, das Urteil bekömmlicher zu machen.
Lina Friedrich hingegen witterte ihre Chance. Für sie war das kein Abendessen, sondern eine Bühne.
„Ach, Markus, wie süß von dir! Wann haben wir das letzte Mal so gemütlich beieinander gesessen?“ zwitscherte sie und warf Sophie einen kurzen, triumphierenden Seitenblick zu.
Das Essen verlief in angespannter Stille. Markus sprang zwischen Herd und Tisch hin und her, schenkte Wein nach, schnitt das Fleisch, zwang sich zu lockeren Bemerkungen. Doch seine Scherze verpufften wirkungslos. Sie fielen wie kleine, hilflose Gegenstände in die schwere Luft und zerbrachen an den unbewegten Gesichtern der beiden Frauen.
Schließlich räusperte er sich, als hielte er den Druck nicht länger aus.
„Was soll das alles? Wir sind doch eine Familie. Das kann doch nicht so weitergehen. Sophie, Lina… wir müssen eine Lösung finden. Irgendeinen Kompromiss.“
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, legte Lina dramatisch die Gabel beiseite. Ihr Gesicht nahm einen leidenden Ausdruck an – das war ihr Auftritt.
„Ich verstehe gar nicht, worüber wir verhandeln sollen!“, begann sie mit bebender Stimme. „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich hier nicht erwünscht bin. Für sie bin ich nur ein Störfaktor! Sie will dich ganz für sich allein, ohne jemanden aus deinem eigenen Blut! Ich bin deine Schwester – und sie versucht, mich einfach rauszudrängen!“
Sie sprach laut, pathetisch, ausschließlich an ihren Bruder gewandt. Sophie würdigte sie keines Blickes. Bedächtig tupfte sie sich mit der Serviette die Lippen ab und sah dann Markus an. Ihre Stimme war ruhig, fast leise – doch in der erstarrten Küche klang sie klarer als jeder Vorwurf.
„Ich werde nichts mit ihr diskutieren. Dieses Gespräch betrifft uns beide.“ Eine kurze Pause. „Du hast mich gebeten, Geduld zu haben. Du wolltest, dass ich ihr Zeit gebe. Sechs Monate sind vergangen. In dieser Zeit war sie bei vier Vorstellungsgesprächen – zu zweien ist sie zu spät erschienen. Sie hat kein einziges Mal etwas im Haushalt erledigt, das über ihr Zimmer hinausgeht. Nicht einmal Brot hat sie mitgebracht. Letzten Monat wurden von deiner Kreditkarte, die du ihr für ‚Kleinigkeiten‘ überlassen hast, 1.500 Euro für Taxis und Cafébesuche abgebucht. Vom kaputten Föhn und dem mit Parfüm getränkten Badteppich ganz zu schweigen. Das sind Fakten. Alles andere sind Behauptungen.“
Jeder ihrer Sätze saß wie ein präzise gesetzter Schlag. Keine Beleidigung, keine erhobene Stimme – nur nüchterne Tatsachen. Gerade diese Sachlichkeit machte Markus nervös. Hysterie hätte er kontern können. Zahlen und konkrete Beispiele nicht.
Er sah zu seiner Schwester, deren Miene sich beleidigt verzog. Dann zu seiner Frau, deren Gesicht unbeweglich und verschlossen wirkte. Er stand zwischen ihnen – und wich aus.
Wie so oft wählte er den bequemeren Weg.
„Warum bist du so… so hart?“, fragte er mit einem Anflug von Vorwurf. „Hättest du nicht etwas verständnisvoller sein können? Sie braucht doch Unterstützung. Du siehst doch, wie schwer sie es hat. Musst du immer gleich alles so zuspitzen? Unser Zuhause fühlt sich inzwischen an wie ein Schlachtfeld.“
Genau dieser Satz war es. Mehr brauchte Sophie nicht. Er stellte sich nicht nur schützend vor seine Schwester – er machte sie zur Schuldigen. In diesem Moment begriff sie, dass die gewährte Woche nichts verändert hatte. Die Entscheidung war längst gefallen, nur nicht von ihr.
Der Sonntagmorgen kam mit trügerischer Ruhe. Der siebte Tag. Lina, ihrer endgültigen und bedingungslosen „Siegesgewissheit“ sicher, verbrachte auffällig lange Zeit im Bad. Als sie schließlich herauskam, summte sie eine eingängige Clubmelodie und bewegte sich durch die Wohnung mit der Selbstverständlichkeit einer neuen Hausherrin.
Markus saß bereits am Tisch, das Handy in der Hand, als suche er dort Schutz vor dem, was unausweichlich bevorstand.
