Eine gute Stunde später tauchte Lina Friedrich endlich auf. Sie gähnte ausgiebig, streckte die Arme über den Kopf und schlurfte im kurzen Seidenshorts und einem Top in die Küche. Wie automatisch steuerte sie die Kaffeemaschine an – doch die blitzblanke, leere Kanne begrüßte sie mit stummer Gleichgültigkeit.
„Ist der Kaffee etwa alle?“ fragte sie beiläufig in den Raum hinein, mit jenem Unterton, der erwarten ließ, dass jemand anderes sich sofort darum kümmern würde.
Sophie Kraus stand am Spülbecken und reinigte gerade ihre eigene Tasse. Sie reagierte nicht einmal mit einem Blick.
„Keine Ahnung. Meine Portion hatte ich“, erwiderte sie ruhig, als hätte eine fremde Person sie angesprochen.
Lina erstarrte für einen Moment. Dann stieß sie hörbar die Luft aus und schlug die Kühlschranktür mit unnötiger Wucht zu. Sie zog einen Joghurt heraus, aß ihn im Stehen direkt aus dem Becher und ließ anschließend sowohl Löffel als auch Verpackung demonstrativ auf der Arbeitsplatte zurück. Ein klarer Auftakt. Ein Test.
Sophie schenkte dem Schauspiel keinerlei Beachtung. Sie spülte ausschließlich ihr eigenes Geschirr, wischte die Spüle trocken und verließ die Küche, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Der klebrige Joghurtbecher blieb stehen – ein stilles Denkmal fremder Rücksichtslosigkeit.
So vergingen mehrere Tage. Die Wohnung verwandelte sich in zwei unsichtbare Reviere, sauber voneinander getrennt durch eine Grenze, die niemand aussprach, aber jeder spürte. Sophie kochte nur noch für zwei Personen. Sie kaufte für zwei ein. In der Waschmaschine landeten ausschließlich ihre Sachen und die von Markus Friedrich. Der stetig wachsende Berg von Linas Wäsche im Korb blieb unberührt.
Das Wohnzimmer wurde sorgfältig gereinigt – bis auf jene Sofaecke, in der Lina ihre Tassen, Verpackungen und Krümel hinterließ. Das Badezimmer entwickelte sich rasch zum eigentlichen Schlachtfeld. Sophie polierte Spiegel und Waschbecken auf Hochglanz, ignorierte jedoch konsequent offenliegende Tuben, fehlende Deckel und die Haare im Abfluss, die eindeutig nicht von ihr stammten.
Als Lina merkte, dass subtile Provokationen keine Wirkung zeigten, wechselte sie die Strategie. Ihre Telefonate wurden lauter, theatralischer. Sie berichtete Freundinnen von „gewissen Personen“, die angeblich aus Eifersucht und innerer Leere den Verstand verlören. Mehrmals brachte sie Besuch mit, vorzugsweise dann, wenn Sophie und Markus zu Hause waren. Fremdes Gelächter und aufdringliche Parfümwolken füllten die Räume. Schmutziges Geschirr stellte sie nun nicht mehr in die Spüle, sondern direkt auf den Esstisch – vorzugsweise an Sophies Platz.
Markus geriet zwischen die Fronten. Er wollte vermitteln, doch seine Versuche wirkten kraftlos und halbherzig.
„Sophie, könntest du vielleicht etwas mehr Suppe kochen? Es ist irgendwie unangenehm …“, begann er am dritten Abend vorsichtig.
„Wenn es dir unangenehm ist, dann stell dich selbst an den Herd. Die Töpfe stehen im Schrank, wo sie immer standen“, antwortete sie kühl, ohne vom Buch aufzusehen.
Sein Gesprächsversuch mit der Schwester verlief kaum besser.
„Markus, sieh doch, wie sie mich anschaut! Sie hasst mich. Ich bin hier offenbar nur im Weg. Wenn du das genauso empfindest, packe ich sofort meine Sachen und fahre zum Bahnhof!“
Und Markus wich zurück. Heimlich räumte er hinter Lina auf, sobald Sophie außer Sicht war. Er bestellte Pizza für alle, um die stummen Abendessen zu dritt zu umgehen. Mit flachen Witzen und Anekdoten aus dem Büro versuchte er, die bedrückende Stille zu überdecken. Doch von Sophie kam nur frostige Distanz, von Lina ein spöttisches Lächeln.
Nichts wurde gelöst. Alles wurde lediglich vertagt – und mit jedem Tag schwerer erträglich. Die unsichtbare Frist, die Sophie gesetzt hatte, lief unerbittlich weiter.
Am sechsten Tag, einem Samstagabend, startete Markus seinen letzten, verzweifelten Annäherungsversuch. Mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen aus einem teuren Supermarkt kehrte er heim. Darin: marmorierte Steaks, frischer Spargel, eine gute Flasche Wein – all das, was früher ihre besonderen Abende begleitet hatte. Sein unbeholfener Friedensgruß.
Er fand beide Frauen im Wohnzimmer vor. Sophie saß mit einem Buch wie hinter einer Schutzmauer, Lina lackierte sich die Nägel, und der stechende Geruch des Nagellacks hing schwer in der Luft.
„Also, ich dachte mir…“
