«Ohne dich ist es besser – mit deinen Prinzipien würdest du ohnehin nur alles verderben» — las Klara im Gericht vor und Adrians Gesicht wurde kreidebleich

Wie herzlos und verlogen ist diese Familie?
Geschichten

— Du willst mir ernsthaft eine Rechnung für eine Feier schicken, bei der ich nicht einmal anwesend war? — fauchte ihre Schwester.

Klara Brandt starrte bereits zum dritten Mal auf das Schreiben in ihren Händen und hoffte, sich verlesen zu haben. Vor ihr auf dem Küchentisch lag der Brief einer Anwaltskanzlei, daneben eine halb geleerte Tasse Tee. In nüchternem, juristischem Ton wurde darin mitgeteilt, dass ihr Bruder Adrian Falk Klage gegen sie eingereicht habe. Er fordere die Hälfte der Kosten für das Jubiläumsfest ihrer Mutter zurück — für eine Veranstaltung, zu der Klara nie eingeladen worden war.

— Siebenunddreißigtausend Euro? — murmelte sie ungläubig und fuhr mit dem Finger über die aufgelisteten Posten. — Für das Bankett im Restaurant „Goldenes Hufeisen“? Für ein Streichquartett? Moderator, Fotograf … ist das sein Ernst?

Mit zitternden Fingern griff sie zum Telefon und wählte Adrians Nummer. Es klingelte nur kurz.

— Ja? — meldete er sich mit betont gelassener Stimme.

— Willst du mir wirklich die Hälfte einer Feier in Rechnung stellen, bei der ich nicht einmal dabei war?

— Ach, Klara — erwiderte Adrian gedehnt, als spiele er den Überraschten. — Du hast also Post bekommen. Ganz formal, nichts weiter. Die Gesamtkosten beliefen sich auf fünfundsiebzigtausend, also teilen wir gerecht durch zwei. Das ist doch fair, oder?

— Fair? — Klara sprang vom Stuhl auf und begann, in der Küche auf und ab zu gehen. — Du hast den Termin absichtlich so gelegt, dass ich auf Geschäftsreise bin! Vom Jubiläum habe ich erst durch Fotos in den sozialen Medien erfahren!

— Wir konnten uns unmöglich nach deinem Kalender richten, — entgegnete er spöttisch. — Mutter wollte genau diesen Tag. Und ehrlich gesagt war sie ohnehin enttäuscht von dir. Deine Scheidung von Daniel Kranz hat sie schwer getroffen. Er war schließlich ein großartiger Mann.

Klara schloss für einen Moment die Augen. Großartig. Fünf Jahre voller Demütigungen und Affären nannte ihre Familie „großartig“. Die Trennung hatte sie befreit, doch in den Augen der Verwandtschaft war sie die Schuldige geblieben.

— Hör zu, Adrian, — sagte sie schließlich beherrscht. — Ich werde keinen Cent für eine Veranstaltung zahlen, zu der man mich bewusst nicht eingeladen hat. Das ist grotesk.

— Bewusst? — fuhr er auf. — Wie kannst du es wagen, mir so etwas zu unterstellen? Undankbar bist du! Mutter hat alles für dich getan, und du schaffst es nicht einmal zu ihrem Jubiläum!

— Ich war in Nürnberg bei Verhandlungen! Du wusstest seit zwei Monaten, dass ich an diesem Tag unterwegs sein würde!

— Für dich zählt eben immer nur die Karriere, — schnappte er. — Kein Wunder, dass Daniel dich verlassen hat.

Wut brandete in ihr auf, doch sie schluckte jede Erwiderung hinunter.

— Das Gespräch ist beendet. Wenn du es darauf anlegst, sehen wir uns vor Gericht.

Sie legte auf, ohne seine Antwort abzuwarten.

Die folgenden Wochen wurden zu einer zermürbenden Tortur. Anrufe, Nachrichten, Vorwürfe aus allen Richtungen. Ihre Mutter meldete sich täglich und warf ihr Herzlosigkeit und Egoismus vor. Tante Brigitte Adler schrieb seitenlange Nachrichten über den Wert familiärer Bindungen. Selbst Theresa Vogt, eine entfernte Cousine, mit der Klara seit Jahren keinen Kontakt gehabt hatte, fühlte sich plötzlich berufen, ihr Pflichten gegenüber Älteren zu erklären.

— Klarachen, warum bist du so stur? — seufzte die Mutter bei einem weiteren Telefonat. — Überweise Adrian doch einfach deinen Anteil, dann ist Ruhe. Er hat sich so viel Mühe gegeben, einen wundervollen Abend zu organisieren.

— Mama, — antwortete Klara ruhig, — ich hätte ohne Zögern die gesamte Feier bezahlt, wenn man mich eingeladen hätte. Aber für ein Fest zu zahlen, von dem ich faktisch ausgeschlossen wurde, ist erniedrigend.

— Dich hat niemand ausgeschlossen! Der Termin hat sich eben so ergeben …

— Adrian hat selbst zugegeben, dass er das Datum bewusst gewählt hat.

— Ach was, das war nur ein schlechter Scherz. Du kennst doch seinen Humor.

Klara wusste, wie sinnlos diese Diskussion war. Ihre Mutter stellte sich immer schützend vor ihren Sohn. Schon als Kinder hatte Adrian Narrenfreiheit genossen. Wenn er ihr Taschengeld an sich nahm, hieß es, Jungen bräuchten eben mehr. Zerbrach er die Porzellanfigur der Großmutter, waren materielle Dinge angeblich unwichtig. Und als er sogar ihre Unterschrift unter Verkaufsunterlagen des Ferienhauses gefälscht hatte, überredete die Mutter sie, zu vergeben und alles zu vergessen.

Am Tag der Verhandlung erschien Klara eine Stunde vor Beginn im Gerichtsgebäude. Sie hatte sich akribisch vorbereitet: Unterlagen zur Geschäftsreise, E‑Mails, in denen Adrian bestätigte, dass er von ihrem Termin wusste, Ausdrucke von Nachrichten sowie Zusagen mehrerer Bekannter, als Zeugen auszusagen.

Adrian traf erst wenige Minuten vor Aufruf ein, geschniegelt im Anzug. Neben ihm schritt ihre Mutter in einem neuen Kleid, das Klara sofort als Modell aus der aktuellen Kollektion einer bekannten Marke erkannte.

— Klara, — sagte Adrian mit einem dünnen Lächeln. — Noch immer so stolz? Überweis das Geld, und wir gehen friedlich auseinander.

Sie würdigte ihn keiner Antwort und betrat den Sitzungssaal.

Die Richterin, eine Frau mittleren Alters mit wachem Blick, hörte sich beide Seiten aufmerksam an. Adrian sprach selbstsicher über Familientraditionen, über die Bedeutung des runden Geburtstags ihrer Mutter und darüber, dass Klara bewusst ihre Arbeit über die Familie gestellt habe. Sein Anwalt, ehrgeizig und geschniegelt, legte Rechnungen des Restaurants, Verträge mit Musikern und Fotografen vor.

Als Klara an der Reihe war, trug sie sachlich ihre Darstellung vor: dass ihre Geschäftsreise bereits zwei Monate vor der Veranstaltung verbindlich feststand, dass ihr Bruder darüber informiert gewesen war und dass sie erst im Nachhinein durch veröffentlichte Fotos von dem Fest erfahren hatte.

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