Keine dreißig Minuten später kehrte das Gericht zurück. Im Saal herrschte gespannte Stille, als der Richter das Urteil verkündete:
„Das Gericht erkennt den Anspruch von Claudia Reinhardt auf die Hälfte des während der Ehe erworbenen Vermögens an. Dies umfasst das Wohnhaus, sämtliche Guthaben sowie die Beteiligung am Unternehmen.“
Viktor Lehmann sprang auf. „Das ist doch absurd! Ich gehe in Berufung!“
Der Richter hob kaum den Blick. „Das steht Ihnen frei. An der sofortigen Wirksamkeit dieses Beschlusses ändert das jedoch nichts.“
Sechs Monate vergingen.
Claudia saß in „ihrer“ Hälfte des Hauses am Küchentisch und knetete Teig für einen Geburtstagskuchen. Nach der Vermögensaufteilung war das Gebäude offiziell in zwei eigenständige Wohneinheiten mit getrennten Eingängen umgewandelt worden. Anfangs hatte sich das seltsam angefühlt – nun war es ihr Alltag. Viktor ließ sich ohnehin kaum noch blicken. Er wohnte bei Laura Bendix.
Ihr Handy vibrierte. Eine neue Bestellung aus dem Café an der Ecke – eine Torte für den nächsten Tag. Claudia musste lächeln. Wer hätte gedacht, dass aus ihrem Hobby einmal ein kleines Geschäft entstehen würde?
Es klingelte. Vor der Tür stand Niklas Bergmann mit einem üppigen Blumenstrauß.
„Alles Gute zum Geburtstag, Mama!“
„Niklas!“ Sie schloss ihn fest in die Arme. „Das ist wunderschön, danke dir.“
Sein Blick fiel auf ihre bemehlten Hände. „Schon wieder am Backen?“
„Und wie! Ich bin für die kommenden zwei Wochen komplett ausgebucht.“
„Respekt“, sagte er anerkennend und setzte sich. „Und… macht Vater noch Schwierigkeiten?“
Claudia rührte die Creme glatt. „Er war letzte Woche hier. Offenbar gab es Streit mit Laura.“
Niklas zog die Augenbrauen hoch. „Und dann?“
„Er meinte allen Ernstes, wir könnten es noch einmal versuchen. Als wäre nichts gewesen.“
„Was hast du geantwortet?“
Sie stellte die Schüssel beiseite. „Dass ich mich gerade erst selbst wiedergefunden habe. Und dass es dafür zu spät ist.“
Niklas grinste zufrieden und stibitzte ein Stück rohen Teig. „Ich bin wirklich stolz auf dich. Ehrlich. Dass du dich so neu erfindest – damit hätte ich nie gerechnet.“
„Ich übrigens auch nicht“, gestand sie und blickte nachdenklich zum Fenster hinaus. „Manchmal begreift man erst im Nachhinein, dass ein Zusammenbruch auch ein Anfang sein kann.“
Am Abend füllte sich das frisch renovierte Wohnzimmer mit Stimmen und Gelächter. Kolleginnen aus der Volkshochschule waren gekommen, dazu neue Bekannte aus dem Backkurs und natürlich Sabine Krüger aus der Nachbarschaft. Nach der Scheidung hatte Claudia alles verändert: helle Wände statt dunkler Tapeten, leichte Vorhänge statt schwerer Stoffe, moderne Möbel anstelle der wuchtigen Schränke, die Viktor immer bevorzugt hatte. Sie wollte Licht – und Luft.
Sabine erhob ihr Glas. „Auf Claudia – und auf ihren Mut!“
„Ach was“, winkte Claudia verlegen ab.
„Doch!“, widersprach Judith Albrecht. „Viele bleiben aus Angst stehen. Du bist weitergegangen.“
Als der letzte Gast gegangen war, sank Claudia mit einer Tasse Tee aufs Sofa. Da klingelte es erneut. Vor der Tür stand Viktor, eine Schachtel Pralinen in der Hand.
„Herzlichen Glückwunsch“, murmelte er.
„Danke.“ Sie machte keine Anstalten, ihn hereinzubitten.
„Können wir reden?“
„Worüber denn?“
Er wich ihrem Blick aus. „Du fehlst mir.“
Claudia betrachtete ihn aufmerksam. Er wirkte älter, schmaler. Doch der berechnende Ausdruck in seinen Augen war geblieben.
„Und Laura?“
„Es ist vorbei. Sie war nicht die Richtige.“
„Und ich bin es?“, fragte Claudia ruhig.
Er zuckte mit den Schultern. „Wir hatten doch etwas.“
„Ja“, sagte sie leise. „Zweiunddreißig Jahre lang habe ich für dieses ‚Etwas‘ gelebt. Jetzt möchte ich für mich selbst leben.“
Er verzog spöttisch den Mund. „Und das heißt? Torten backen?“
„Unter anderem. Ich habe neue Freunde. Ich singe im Chor. Und vor allem: Ich bin zufrieden.“
„Ohne mich?“
Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Man glaubt es kaum, nicht wahr?“
Wortlos drückte er ihr die Pralinenschachtel in die Hand und ging. Claudia schloss die Tür, lehnte sich dagegen und atmete tief durch.
„Ich habe es geschafft“, flüsterte sie.
Am nächsten Morgen weckte sie das Klingeln ihres Telefons. Eine junge Frau fragte nach einer Hochzeitstorte für dreißig Gäste.
„Schaffen Sie das bis Samstag?“
Claudia lächelte. „Selbstverständlich. Das bekomme ich hin.“
Sie öffnete das Fenster. Frühlingssonne strömte herein und tauchte den Raum in warmes Licht. Vor ihr lagen neue Pläne: ein professioneller Konditorkurs, eine Reise ans Meer mit ihren Freundinnen – und bald würde sie Großmutter werden, denn Niklas erwartete Nachwuchs.
Sie sah in den hellen Himmel und lächelte.
„Wer hätte gedacht“, murmelte sie, „dass das Leben mit fünfundfünfzig erst richtig beginnt?“
