Friederike Hansen nickte zustimmend. „Genau diese Haltung brauchen Sie“, sagte sie ruhig. „Wir sehen uns morgen im Gerichtssaal.“
Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, wirkte überraschend unspektakulär. Claudia hatte sich etwas Größeres vorgestellt, vielleicht Ehrfurchtgebietendes. Stattdessen: schlichte Holzbänke, ein erhöhter Richtertisch, das Bundeswappen an der Wand. Die Luft roch nach Papier und alten Akten. Unbewusst spielte sie mit dem Riemen ihrer Handtasche und vermied es, Viktor Lehmann direkt anzusehen, der ihr gegenüber saß – geschniegelt, selbstsicher, beinahe gelangweilt.
„Bleiben Sie ruhig“, murmelte Friederike Hansen ihr zu. „Wir haben alles vorbereitet.“
Claudia schluckte. „Und wenn er wieder irgendeinen Trick versucht? Sie kennen ihn nicht so wie ich.“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über das Gesicht der Anwältin. „Solche Männer begegnen mir ständig. Sehen Sie, er ist mit Tobias Kramer erschienen – ein Anwalt, der gern wohlhabende Mandanten vertritt. Doch auch er kann keine Tatsachen aus der Welt schaffen.“
In diesem Moment betrat die Richterin den Saal – eine Frau mittleren Alters mit müdem, aber wachem Blick. Sie setzte sich, ordnete die Unterlagen und begann ohne Umschweife.
„Wir verhandeln heute in der Sache Lehmann gegen Reinhardt, betreffend die Aufteilung des ehelichen Vermögens.“ Ihr Blick glitt über die Akten. „Klägerseite?“
Tobias Kramer erhob sich. „Mein Mandant, Viktor Lehmann, beantragt, die Ansprüche der Beklagten zurückzuweisen. Sämtliche Vermögenswerte wurden aus seinem Privatvermögen finanziert und sind ausschließlich auf seinen Namen eingetragen.“
Claudias Hände ballten sich zu Fäusten. Privatvermögen? Sie erinnerte sich genau, wie sie jeden Euro zur Seite gelegt hatte. Wie sie zusätzliche Seminare an der Hochschule übernommen hatte, um „in unsere gemeinsame Zukunft zu investieren“, wie Viktor es damals genannt hatte.
„Beklagtenseite?“ fragte die Richterin sachlich.
Friederike Hansen stand auf. Ihre Stimme war fest und klar. „Meine Mandantin widerspricht den Ausführungen der Gegenseite in vollem Umfang. Das Vermögen wurde während der Ehe erwirtschaftet. Frau Reinhardt hat sowohl finanziell als auch durch persönliche Arbeit erheblich beigetragen. Wir legen entsprechende Beweise vor.“
Viktor schnaubte verächtlich und beugte sich zu seinem Anwalt, um ihm etwas zuzuraunen.
„Welche Beweise genau?“ wollte die Richterin wissen.
Ohne Hast öffnete Friederike ihre Mappe. „Hier befinden sich Quittungen über Geldbeträge, die Herr Lehmann von seiner Ehefrau für den Hausbau entgegengenommen hat. Außerdem Kontoauszüge, die belegen, dass Baumaterialien von Frau Reinhardts persönlicher Kreditkarte bezahlt wurden. Hinzu kommen Abhebungen in beträchtlicher Höhe während der Bauphase. Und schließlich Zeugenaussagen.“
„Das ist absurd!“ fuhr Viktor auf. „Von welchen Quittungen reden Sie? Das ist ewig her, ich erinnere mich an nichts!“
„Herr Lehmann, Sie sprechen nur, wenn ich Sie dazu auffordere“, unterbrach ihn die Richterin scharf.
Die Dokumente wanderten über den Tisch. Sorgfältig prüfte die Richterin jede Seite.
„Wir hören zunächst den Zeugen Niklas Bergmann.“
Niklas trat ein. Man sah ihm die Anspannung an; seine Schultern wirkten steif.
„Herr Bergmann“, begann die Richterin, „können Sie bestätigen, dass Ihre Mutter Geld in den Bau des Hauses investiert hat?“
Er nickte. „Ja. Ich war noch jung, aber ich erinnere mich, dass meine Mutter regelmäßig Geld zur Baustelle brachte. Sie sagte immer: ‚Das ist mein Gehalt, das geht für die Materialien drauf.‘“
„Das ist doch lächerlich!“ rief Viktor. „Er verteidigt nur seine Mutter!“
„Noch eine Störung, und ich lasse Sie entfernen“, entgegnete die Richterin kühl.
Weitere Zeugen folgten. Sabine Krüger, die Nachbarin, berichtete von dem Kredit, den Claudia für die erste Bauetappe aufgenommen hatte. Eine Kollegin aus der Hochschule schilderte, wie Claudia zusätzliche Nachhilfestunden gab, „für die Badezimmerfliesen“, wie sie lachend erklärte.
Mit jeder Aussage verdunkelte sich Viktors Miene. Tobias Kramer blätterte hektisch durch seine Unterlagen, als suche er verzweifelt nach einer Lücke.
„Erlauben Sie mir, noch ein weiteres Schriftstück vorzulegen“, sagte Friederike schließlich und zog ein vergilbtes Dokument hervor. „Eine Vollmacht von Frau Reinhardt, die ihrem Ehemann gestattete, geschäftliche Angelegenheiten in ihrem Namen zu regeln. Zudem ein Kontoauszug, aus dem hervorgeht, dass das Startkapital für das Unternehmen von ihrem Sparkonto überwiesen wurde.“
Im Saal breitete sich eine fast greifbare Stille aus. Viktor wurde blass.
„Woher haben Sie das?“ zischte er.
„Aus dem Archiv der Bank“, erwiderte Friederike gelassen. „Finanzinstitute bewahren Daten länger auf, als man denkt.“
Nach Abschluss der Beweisaufnahme zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Claudia saß reglos da. Ihr Herz schlug bis zum Hals, und doch wagte sie kaum zu hoffen.
„Glauben Sie, wir haben eine Chance?“ flüsterte sie.
Friederike Hansen lächelte zuversichtlich. „Eine Chance? Wir haben die Fakten. Und das Gesetz steht eindeutig auf unserer Seite.“
