«Ich kämpfe um Gerechtigkeit» — sagte sie entschlossen zu ihrem Spiegelbild nach Viktors Ankündigung der Scheidung

Wie mutig und gerechtfertigt ihre stille Wut ist.
Geschichten

— Welche Hälfte? — Viktor Lehmann stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus. — Wovon redest du überhaupt? Du bist pensionierte Dozentin. Seit wann führst du ein Unternehmen?

— Ich habe ebenfalls Geld hineingesteckt. Und ich habe die Quittungen dafür.

— Quittungen? — Seine Stimme zitterte für einen Moment, fing sich jedoch sofort wieder. — Ach was. Das waren Geschenke, weiter nichts.

— Dann klären wir das eben vor Gericht, — entgegnete Claudia ruhig, mit einer Festigkeit, die sie selbst überraschte, und beendete das Gespräch.

Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. So hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Dreiunddreißig Jahre lang hatte sie nachgegeben, geschwiegen, sich zurückgenommen. Und jetzt …

— Habe ich das wirklich gesagt? — murmelte sie und spürte zum ersten Mal seit Tagen ein leises, beinahe ungläubiges Lächeln auf ihren Lippen.

Die folgenden Wochen verschwammen zu einem grauen Strom aus Papieren und Terminen. Claudia sortierte Kontoauszüge, suchte alte Belege zusammen, traf sich regelmäßig mit Friederike Hansen und versuchte, juristische Formulierungen zu verstehen. An der Hochschule ließ sie sich beurlauben; an konzentriertes Unterrichten war nicht zu denken.

— Claudia, du bist ganz schmal geworden, — bemerkte Judith Albrecht eines Morgens besorgt im Büro. — Du musst etwas essen.

— Später, — winkte Claudia ab. — Erst muss ich diese Unterlagen ordnen.

Judith zögerte. — Und… dieser Mann? Bedroht er dich?

Claudia verzog den Mund. — Im Moment nur am Telefon. Er ruft an und sagt, ich solle „vernünftig werden“. Als wäre ich diejenige, die den Verstand verloren hat.

Am Abend meldete sich ihr Sohn.

— Mama, er macht mich wahnsinnig, — sagte Niklas Bergmann müde. — Jeden Tag ruft er an und verlangt, ich solle auf dich einwirken.

— Und was sagst du?

— Dass das eure Angelegenheit ist. Da ist er ausgerastet.

Claudia seufzte leise. Niklas hatte sich immer aus den Spannungen zwischen ihr und Viktor herausgehalten. Vielleicht war das sein Selbstschutz gewesen.

— Wie hältst du das alles aus? — fragte er vorsichtig.

Sie schluckte. — Es geht schon. Weißt du, ich habe alte Fotos gefunden. Von damals, als wir das Haus gebaut haben. Du warst noch klein.

— Klar erinnere ich mich! Ich musste Ziegel schleppen! — Er lachte kurz auf. — Und Vater hat Kommandos gegeben.

— Genau. Bezahlt habe allerdings ich.

— Wie bitte?

— Mein gesamtes Gehalt ist damals in Baumaterial geflossen. Ich habe sogar noch die Belege.

— Unglaublich… Und er behauptet überall, er habe alles allein gestemmt.

Ihr Handy vibrierte. Viktors Name leuchtete auf. Claudia drückte den Anruf weg.

— Schon wieder, — sagte sie leise. — Inzwischen täglich.

— Geh nicht ran.

— Tue ich nicht. Aber er steht auch plötzlich vor der Tür.

Gestern hatte er unangekündigt geklingelt. Er war einfach dagewesen, mit diesem Blick, der sie früher augenblicklich zum Schweigen brachte. Früher. Jetzt nicht mehr.

— Gib mir die Quittungen zurück, — hatte er gefordert.

— Nein.

— Claudia, du spielst mit dem Feuer.

— Nein, Viktor. Du hast mit mir gespielt. Jahrzehntelang.

Er hatte die Wohnungstür so heftig zugeschlagen, dass Staub aus dem Putz rieselte.

Doch heute war nicht er gekommen.

Eine junge Frau stand vor ihr, geschniegelt, selbstbewusst, mit einem herausfordernden Lächeln.

— Laura Bendix, — stellte sie sich ohne Umschweife vor. — Wir sollten reden.

Claudia verschränkte die Arme. — Worüber?

— Über Viktor. Er leidet. Ihr werdet euch doch sowieso trennen. Warum dieses Theater?

— Welches Theater meinen Sie?

— Diese… Forderungen. Das Haus, das Geld.

— Mein Geld, — korrigierte Claudia ruhig.

Laura rollte mit den Augen. — Ach bitte. Viktor hat die Geschäfte geführt. Und Sie waren doch nur …

— Nur was?

Ein kurzes Zögern. — Na ja… Hausfrau.

— Ich unterrichte seit drei Jahrzehnten an der Hochschule.

— Das spielt doch keine Rolle! — fauchte Laura. — Viktor und ich lieben uns. Und Sie…

— Wie alt sind Sie, Laura?

— Siebenundzwanzig, — antwortete sie trotzig.

— Mit siebenundzwanzig war ich ebenfalls überzeugt, das Leben sei einfach, — sagte Claudia leise. — Richten Sie Viktor aus, dass ich ihn vor Gericht sehe.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, blieb Claudia lange vor dem Spiegel stehen. Fältchen, graue Strähnen. Nein, mit dieser jungen Frau konkurrierte sie nicht. Darum ging es nicht.

— Ich kämpfe nicht um Jugend, — sagte sie ihrem Spiegelbild. — Ich kämpfe um Gerechtigkeit.

Gegen Abend klingelte das Telefon erneut.

— Frau Reinhardt, die Unterlagen sind fertig. Morgen reichen wir die Klage ein, — erklärte Friederike Hansen sachlich.

— So schnell?

— Warum warten? Unsere Position ist stark. Übrigens hat Ihr Noch-Ehemann versucht, mich einzuschüchtern.

— Und?

Ein amüsiertes Lächeln schwang in der Stimme der Anwältin mit. — Das war Zeitverschwendung. Glauben Sie, Sie sind bereit für die Verhandlung?

Claudia atmete tief ein. — Bereit vielleicht nicht. Aber ich habe keine andere Wahl.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber