„Ein Hotel?!“ Sie schnappte hörbar nach Luft. „Du willst ernsthaft, dass wir Silvester in irgendeiner Absteige an der Landstraße verbringen – und das auch noch auf eigene Rechnung?“
„Ich zeige euch lediglich Alternativen auf“, entgegnete ich ruhig. „Die kostenfreie Option namens ‚Datsche‘ existiert nicht mehr. Und zwar endgültig.“
„Das werde ich dir nie verzeihen, Katharina! Du fällst deiner eigenen Familie in den Rücken. Du hast die Erinnerung an Matthias Brandt für ein paar Euro verschachert!“
„Ich habe kein Andenken verkauft, Sabine Böhm, sondern ein Gebäude, das mir seit Jahren die Kraft geraubt hat. Matthias trage ich in mir – nicht in morschen Balken. Und das Geld aus dem Verkauf ist meine Absicherung. Übrigens genau die Absicherung, die ihr und Tobias Krämer uns bis heute schuldet. Fünf Jahre ist es her, dass ihr euch für euer Auto Geld geliehen habt.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte plötzlich Stille. Über diese Summe wurde in der Familie grundsätzlich hinweggegangen – ein unausgesprochenes Abkommen, so zu tun, als hätte es sie nie gegeben.
„Weißt du was? Vergiss es“, fauchte sie schließlich. „Melde dich nicht mehr. Wir brauchen dich nicht.“
„Einen guten Rutsch“, sagte ich leise und beendete das Gespräch.
Danach öffnete ich die Kontakte, tippte auf „Sabine Böhm“ und wählte „Nummer blockieren“. Kurz darauf landete auch Tobias Krämer auf der Sperrliste.
Neue Schlösser
In der Wohnung breitete sich eine fast greifbare Ruhe aus. Nur das gleichmäßige Ticken der Wanduhr und das leise Prickeln der Mineralwasserperlen durchbrachen die Stille.
Ich blieb am Tisch sitzen und wartete darauf, dass mich Schuldgefühle überrollen würden. Schließlich hatte man uns Frauen von klein auf eingebläut: Familie steht über allem. Man hilft, selbst wenn man selbst dabei untergeht. Ich horchte in mich hinein, suchte nach diesem stechenden schlechten Gewissen, weil ich die „armen Verwandten“ im Stich gelassen hatte.
Nichts.
Stattdessen breitete sich etwas aus, das ich lange nicht gespürt hatte – eine fast federnde Leichtigkeit.
Langsam zog ich die Mappe mit den Unterlagen wieder zu mir heran. Kontoauszug. Eine Zahl mit sechs Nullen. Keine abstrakte Summe, sondern eine reale Möglichkeit.
Die Chance, im Frühjahr nach Bad Hindelang zu fahren – nicht in der grauen Nebensaison mit einem Billiggutschein, sondern im Mai, wenn alles blüht. Eine vernünftige Klinik, kompetente Ärzte, Termine ohne monatelanges Warten.
Vielleicht sogar ein kleines Apartment am Meer. Ich hatte mir in letzter Zeit immer wieder Anzeigen angesehen – in Wismar oder in Ahlbeck. Kiefernwälder, Dünen, das klare, kühle Wasser. Dieses ernste Meer, das den Kopf frei macht wie kaum etwas anderes.
Und das Wichtigste: Niemand würde diese Adresse kennen.
Mein Handy vibrierte, und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Doch es war lediglich eine Nachricht der Bank: „Zinsgutschrift auf Ihrem Anlagekonto …“
Ich trat ans Fenster. Über Hamburg fiel noch immer dichter Schnee und legte sich wie ein makelloses Tuch über Straßen und Dächer.
Irgendwo draußen auf der Autobahn würde nun ein Wagen wenden und Kurs auf das empfohlene Hotel nehmen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren würden sie für ihren Jahreswechsel selbst bezahlen müssen.
War mein Verhalten hart? Vielleicht.
War es gerecht? Ganz bestimmt.
Manchmal bedeutet Selbstschutz, die Schlösser auszutauschen – nicht nur an Türen, sondern auch im eigenen Inneren.
Ich goss mir eine Tasse heißen Tee mit Zitrone ein, schaltete die Lichterkette am Weihnachtsbaum an und lächelte meinem Spiegelbild im dunklen Fensterglas zu.
Dieses neue Jahr würde ruhig beginnen.
Und es würde mir gehören.
