„Weil es nicht mehr unser Haus ist“, erwiderte ich ruhig. „Ich habe es verkauft.“
Am anderen Ende entstand eine Stille, so dicht, dass sie fast greifbar war. Für einen Moment meinte ich, Sabines Gedanken förmlich knirschen zu hören, während sie versuchte zu begreifen, was ich gesagt hatte. Im Hintergrund bellte der Hund unaufhörlich weiter.
„Was…?“ Ihre Stimme war nur noch ein Hauch. „Wie verkauft? An wen? Und was ist mit uns?“
„Ihr“, sagte ich sachlich, „steht gerade vor dem Tor eines fremden Grundstücks. Und ich würde euch dringend raten, dort nicht länger auszuharren – bevor Rainer Hoffmann auf die Idee kommt, den Hund aus dem Zwinger zu lassen. Er ist kein Mann für Späße.“
„Du… das kannst du nicht ernst meinen!“ Sabine rang hörbar nach Luft. „Wir sind mit den Kindern hier! Der Kofferraum ist voll mit Lebensmitteln! Wohin sollen wir denn jetzt? Morgen ist Silvester! Katharina, hast du eigentlich eine Ahnung, was du da angerichtet hast? Wir sind Familie!“
„Familie“, wiederholte ich langsam. „Die es nicht einmal für nötig hielt zu fragen, ob ein Besuch überhaupt passt.“
„Fragen? Das war doch immer selbstverständlich! Das war Matthias’ Haus! Du nimmst uns einfach das Fest weg! Ruf sofort diesen… diesen Mann an und erklär ihm, dass wir dazugehören! Er soll uns wenigstens über Nacht reinlassen!“
In diesem Augenblick wurde mir klar: Wenn ich jetzt nachgebe – wenn ich den neuen Eigentümer kontaktiere, wozu ich keinerlei Recht habe, oder sie gar in meine Hamburger Wohnung einlade – dann beginnt alles wieder von vorn. Dann bin ich wieder die bequeme Katharina, die immer nachgibt.
Und dann geschah genau das, womit ich gerechnet hatte und was ich zugleich gefürchtet hatte.
Ein dumpfes Hämmern drang durch den Hörer, offenbar schlug jemand gegen das Metalltor. Sofort folgte ein tiefes, warnendes Knurren, das selbst durch die Leitung bedrohlich klang. Dann eine männliche Stimme, kühl und bestimmt:
„Ich zähle bis drei. Danach öffne ich das Tor. Eins…“
„Zwei…“ Rainer Hoffmann sprach in dem Tonfall eines Schaffners, der Fahrkarten kontrolliert – ruhig, fast gelangweilt.
„Tobias! Ins Auto, sofort!“ schrie Sabine.
Autotüren klappten hastig zu, schwer und dumpf. Ein Kind begann zu weinen. Tobias fluchte, nun schon aus dem Inneren des Wagens. Der Hund bellte tief und volltönend – so bellen Tiere, die genau wissen, wo ihr Revier beginnt und endet.
„Das wirst du büßen, Katharina!“ Sabines Stimme bebte jetzt nicht mehr vor Empörung, sondern vor Angst und Wut. „Du jagst uns bei Minusgraden vor die Tür! Wir erfrieren hier draußen!“
„Eure Autos haben eine Heizung“, entgegnete ich und setzte mich in meinen Sessel. Plötzlich fühlten sich meine Beine schwer an, als wäre ich einen Marathon gelaufen. „Und bis nach Hamburg ist es knapp eine Stunde. Hör auf, ein Drama zu inszenieren.“
„Wir fahren nicht zurück! Die Stimmung ist ruiniert! Wir wollten feiern! Und was machen wir jetzt mit drei Kisten Essen?“
Es war bezeichnend.
Selbst jetzt, eingeschlossen im Wagen vor einem fremden Haus, dachte sie nicht darüber nach, dass sie jede Grenze überschritten hatte – sondern darüber, wohin mit ihren vorbereiteten Salaten.
„Pass auf“, unterbrach ich sie. „Auf Kilometer fünfundvierzig, kurz vor der Abfahrt, gibt es das Hotel ‚Uferblick‘. Ich schicke dir gleich den Standort. Die haben noch Zimmer frei, dazu eine Sauna und einen Grillplatz im Außenbereich.“
