Noch vor einem Jahr hätte mich so ein Gespräch in hektische Betriebsamkeit gestürzt. Ich wäre durch die Zimmer geeilt, hätte wahllos Kleidung in eine Tasche gestopft und ein Taxi bestellt – nur damit das Haus warm und einladend wirkte, wenn die „lieben Gäste“ eintrafen.
Nur um niemanden zu kränken. Nur um die Nette zu bleiben.
Sie kennen dieses Gefühl vielleicht: Innen brodelt der Widerstand, doch nach außen lächelt man verbindlich und sagt Sätze wie: „Aber natürlich, kommt doch, ich habe ohnehin gerade einen Kuchen im Ofen.“
Frauen meines Jahrgangs hat man dazu erzogen, gefällig zu sein. Uns wurde beigebracht, dass ein fauler Kompromiss immer noch besser sei als ein offener Streit.
Doch irgendwann stellt das Leben einen vor eine Wahl. Entweder man lässt andere endgültig Besitz von einem ergreifen – oder man erinnert sich daran, dass man Rückgrat hat.
Ich erhob mich, ging zum Sekretär und zog die Mappe hervor, die ich dort deponiert hatte. Ganz oben lag der notarielle Vertrag, datiert auf den 23. Dezember.
Vor einer Woche hatte ich das Haus verkauft.
Ohne großes Aufheben. Zügig. An einen Mann, der ausdrücklich seine Ruhe suchte.
Sabine Böhm wusste nichts davon. Ich ahnte genau, was geschehen würde, hätte ich auch nur ein Wort fallen lassen: Die gesamte Verwandtschaft wäre über mich hergefallen. Man hätte von „Familientradition“ gesprochen, vom „Erbe der Eltern“, davon, dass ich den Kindern „die frische Luft“ nähme. Und natürlich wäre auch Matthias Brandt ins Spiel gebracht worden – als hätte er noch irgendeinen Anspruch.
Sie hätten Druck gemacht. Sie hätten mir Schuldgefühle eingeredet.
Dabei brauchte ich schlicht das Geld. Mein Einkommen als Korrektorin und die kleine Rente reichten nicht aus, um zweihundert Quadratmeter zu unterhalten, die ständig nach Reparaturen schrien – mal das Dach, mal die Heizung. Ich war es leid, auf eigene Kosten den Ferienbetrieb anderer zu sichern.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass mir vielleicht sechzig Minuten blieben, um zu entscheiden: Handy ausschalten – oder standhalten.
Diese Stunde verging in merkwürdiger Starre. Ich stellte mir ihre Fahrt vor. Wie sie die letzte Abzweigung nahmen. Wie Tobias Krämer am Steuer seine altbekannten Witze machte. Wie die Kinder aufgeregt tuschelten.
Sie fuhren zu einem Haus, das seit einer Woche nicht mehr das ihre war.
Der neue Eigentümer, Rainer Hoffmann, ein pensionierter Offizier, war mir bei der Besichtigung als nüchterner, bestimmter Mann erschienen. Sein erster Blick galt dem Zaun.
„Ich schätze keine unangemeldeten Besucher“, hatte er knapp gesagt, während er das Übergabeprotokoll unterzeichnete. „Mein Hund ist groß. Und ich brauche Stille.“
Ich hatte ihn gewarnt: „Es könnte sein, dass Verwandte aus alter Gewohnheit auftauchen.“
Er hatte nur kühl gelächelt. „Darum kümmere ich mich selbst, Frau Lorenz. Eigentum ist Eigentum.“
Genau eine Stunde und fünfzehn Minuten später vibrierte mein Telefon. Sabine.
Ich atmete ruhig ein, straffte die Schultern und nahm ab.
„Katharina!“ Ihre Stimme war kein normales Rufen, sondern ein schrilles Kreischen, begleitet vom wütenden Bellen eines Hundes und einer tiefen Männerstimme im Hintergrund. „Was ist hier los?!“
„Was ist passiert?“ fragte ich so gelassen wie möglich.
„Die Schlüssel passen nicht! Andere Schlösser! Wir haben geklopft, und dann kam da ein Typ raus – in Uniform! Mit einem riesigen Hund! Er behauptet, das sei sein Haus! Katharina, der ist unheimlich! Ruf die Polizei, wir trauen uns kaum auszusteigen!“
Ich sah mein Spiegelbild im dunklen Fenster und antwortete ruhig:
„Er ist nicht unheimlich, Sabine.“
„Nicht unheimlich? Wer ist er denn bitte? Warum lässt er uns nicht ins Haus?“
