— Katharina, warum gehst du denn nicht ran? Wir sind schon auf der A7 kurz hinter Quickborn! Noch eine gute Stunde, also setz schon mal Wasser auf! — Sabine Böhms Stimme klang so schrill und überdreht, dass ich instinktiv die Lautstärke reduzierte, damit mir der Lautsprecher nicht im Ohr schepperte.
Ich warf einen Blick auf das Display. 30. Dezember, 14:15 Uhr. Draußen rieselte schwerer, nasser Hamburger Schnee vom Himmel und verwandelte die Straßen in eine schmutzig-graue Matsche.
In meiner Wohnung duftete es nach frisch gemahlenem Kaffee, dazu ein Hauch von Tannennadeln. In der Ecke stand eine kleine Fichte, die ich am Vorabend geschmückt hatte — zurückhaltend, stilvoll, während im Hintergrund ein alter Film lief.
— Sabine, — sagte ich ruhig und nahm noch einen Schluck, die Stille meiner Küche auskostend. — Wohin genau seid ihr eigentlich unterwegs?
— Jetzt stell dich doch nicht so an! — lachte sie ins Telefon, während im Hintergrund Kinder kreischten und ein tiefer Männerbass zu hören war — eindeutig Tobias Krämer. — Natürlich ins Haus nach Bad Hindelang! Zu uns! Wir dachten, was sollen wir in der Stadt hocken? Die Salate haben wir eingepackt, Tobias hat Feuerwerk besorgt. Mach schon mal die Sauna fertig. Wir kommen mit den Kindern, also bitte das Haus ordentlich vorheizen!

„Zu uns.“
Dieses kleine Wort stach wie eine Nadel. Seit drei Jahren, seit dem Tod meines Mannes — Sabines Bruder — hörte ich es immer wieder.
Das Haus in Bad Hindelang war ein solides Holzhaus, wunderschön, aber pflegeintensiv. Ich hatte es von meinen Eltern geerbt. Nicht von meinem Mann. Und doch sprach Sabine stets vom „Familiennest“, als hätte sie ein lebenslanges Anrecht auf Erholung dort.
— Sabine, — erwiderte ich gelassen und spürte, wie sich in mir eine unerwartete Ruhe ausbreitete, — ich bin nicht in Bad Hindelang.
Am anderen Ende entstand eine Pause. Man hörte nur das Abrollen der Reifen und leise Radiomusik.
— Wie bitte, nicht dort? — Die festliche Heiterkeit war verschwunden; ihre Stimme bekam diesen kühlen, schneidenden Unterton, den ich nur zu gut kannte. — Wo bist du dann? Wir feiern Silvester doch immer als Familie.
— Das haben wir nicht abgesprochen. Du hast mich informiert, nicht gefragt. Ich bin in Hamburg. Zu Hause.
— Na gut, — hörte ich sie überlegen, Pläne neu sortierend. — Blöd, dass es kalt sein wird. Aber der Schlüssel liegt doch wie immer unter der Veranda im Glas, das wissen wir. Tobias kriegt den Ofen schon an. Wir sind doch nicht unfähig. Also pack deine Sachen und nimm dir ein Taxi oder steig in den Zug. Wir warten auf dich. Allein bleibt man doch nicht an Silvester.
Sie stellte keine Frage. Sie traf Entscheidungen.
So wie im letzten Sommer, als sie mir ihre drei Kinder brachte und sie zwei Wochen bei mir ließ. „Du hast doch ohnehin nichts vor auf dem Land, und ich stecke im Jahresabschluss“, hatte sie gesagt.
So wie bei den Stromrechnungen nach ihren Winteraufenthalten, die ich kommentarlos bezahlte, weil „wir vergessen haben, den Zählerstand zu notieren, das rechnen wir später aus“.
Später kam nie.
Der Punkt ohne Rückkehr.
— Sabine, fahrt bitte nicht weiter, — sagte ich leise und beobachtete, wie eine Schneeflocke an der Fensterscheibe schmolz. — Dreht um.
— Katharina, spinnst du? Der Kofferraum ist voll mit Essen! Die Kinder freuen sich seit Tagen! Tobias ist müde, der fährt jetzt sicher nicht zurück. Hör auf mit dem Unsinn. Der Empfang bricht gleich ab, wir sind bald da. Der Schlüssel liegt unter der Veranda, ich weiß es doch!
Sie legte auf.
Langsam legte ich das Handy neben mich und betrachtete meine Hände. Kein Zittern. Keine Hast. Nur eine stille Klarheit.
Und doch wäre ich noch vor einem Jahr nach so einem Anruf panisch durch die Wohnung gelaufen, hätte eine Tasche gepackt und ein Taxi gerufen, nur um es allen recht zu machen.
