«Ich hab’s genommen. Mama brauchte es.» — gestand Christian mit ertapptem, trotzigem Blick

Kalt, unfair und doch schmerzlich befreiend.
Geschichten

Mit zitternden Fingern zog sie aus der Kommode eine Tafel Schokolade hervor, die sie vor Tagen heimlich gekauft hatte, dazu eine kleine Flasche Sekt. Bezahlt von dem bisschen Taschengeld, das sie sich mühsam zur Seite gelegt hatte – nur für sich.

Aus dem Wohnzimmer drang noch immer lautes Stimmengewirr. Gabriele Hoffmanns schrille Empörung schnitt durch die Wände.

„Komm, Christian, wir gehen! Hier setze ich keinen Fuß mehr rein! Zu Karoline Otto fahren wir – die hat zwar selbst kaum etwas, aber wenigstens lässt sie ihre Gäste nicht hungern! Und diese…“

„Mama, bitte…“, murmelte Christian beschwichtigend. „Es ist schon fast zehn. Wohin denn jetzt noch? Beruhig dich doch.“

„Ich beruhige mich ganz bestimmt nicht! Bist du mein Sohn oder ihr Schoßhündchen? Sie hat dich bloßgestellt! Und mich gleich mit! Wegen einer Waschmaschine macht sie so ein Theater? Die Maschine kriegt sie zurück, hörst du? Soll sie doch selber damit waschen!“

Kurz darauf krachte die Wohnungstür ins Schloss. Stille breitete sich aus – schwer und plötzlich.

Nora drehte vorsichtig den Drahtverschluss vom Sekt. Der Korken sprang mit einem gedämpften Plopp gegen ihre Handfläche. Sie goss das prickelnde Getränk nicht in ein Glas, sondern in ihre schlichte Teetasse, brach ein Stück Schokolade ab und ließ es langsam im Mund schmelzen.

Etwa zehn Minuten später klopfte es zaghaft an die Schlafzimmertür.

„Nora…“, kam Christians Stimme, gedämpft und kleinlaut. „Mach bitte auf. Sie sind weg.“

Keine Reaktion.

„Nora, ich hab’s verstanden. Ich war ein Idiot. Bitte… ich hab auch Hunger.“

Sie blieb noch einen Moment sitzen, dann stand sie auf, schloss auf und öffnete. Christian stand vor ihr, die Schultern hingen herab, sein Blick wich ihrem aus.

„Ist sie wirklich gefahren?“, fragte Nora ruhig.

„Ja. Mit dem Taxi. Sie hat im Treppenhaus noch weitergeschimpft und angekündigt, morgen Leute zu schicken, die die Waschmaschine abholen.“

Nora atmete tief aus. „Sie soll sie behalten. Darum geht es doch gar nicht, Christian.“

Er trat ein und setzte sich auf die Bettkante. „Ich weiß. Es geht darum, dass ich nichts gesagt habe. Dass ich immer davon ausgehe, du regelst das schon irgendwie. Dass am Ende immer Geld da ist. Ich hab nicht nachgedacht.“

„Dann fang damit an“, erwiderte sie leise und setzte sich neben ihn. „Vielleicht gibt es kein nächstes Mal mehr. Ich bin es leid, ständig Lösungen zu erfinden. Ich möchte auch einmal diejenige sein, um die man sich kümmert.“

Er griff nach ihrer Hand. „Es tut mir leid.“

Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Im Wohnzimmer steht tatsächlich nur Kartoffeln auf dem Tisch.“

Er verzog das Gesicht.

„Aber“, fügte sie hinzu, „wenn man im Gefrierfach sucht, findet man noch eine Packung Pelmeni. Für Notfälle aufgehoben.“

Seine Augen hellten sich auf. „Ehrlich? Pelmeni? Du rettest mir den Abend. Ich hab seit heute Morgen nur Buchweizen gegessen.“

Gemeinsam gingen sie in die Küche. Der festlich gedeckte Tisch mit Kristallgläsern wirkte zwischen den schlichten Kartoffeln fast wie eine Kunstinstallation – prunkvoll und absurd zugleich. Christian schob die Kartoffeln auf einen Teller.

„Die braten wir morgen mit Zwiebeln an“, erklärte er bemüht tatkräftig. „Mit Butter. Wird auch gut.“

Während das Wasser im Topf zu kochen begann, trat er hinter Nora und legte die Arme um sie.

„Ich verspreche dir etwas“, murmelte er in ihr Haar. „Ab dem nächsten Gehalt sparen wir wieder. Und niemand bekommt etwas von uns, wenn wir selbst nichts haben. Ich kümmere mich künftig um die Einkäufe. Wirklich.“

„Wir werden sehen“, antwortete sie, diesmal ohne Bitterkeit.

Das neue Jahr begrüßten sie schließlich mit dem Läuten der Kirchenglocken, Pelmeni mit saurer Sahne auf den Tellern, an einem Tisch, der für ein Bankett hätte reichen können. Die Sprotten blieben ungeöffnet – aufgespart für Weihnachten. Christian fand noch eine Flasche Wodka im Schrank, die er bisher weder verschenkt noch geleert hatte. Nora trank ihren restlichen Sekt.

Es war kein glanzvoller Jahreswechsel. Kein lautes Lachen, keine Gäste. Aber vielleicht der aufrichtigste, den sie je erlebt hatten.

Die angekündigte Rückholung der Waschmaschine blieb übrigens aus. Gabriele Hoffmann schwieg – aus gekränktem Stolz. Zwei Wochen ohne Anrufe. Für Nora war das ein Geschenk, wertvoller als jedes Feuerwerk. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich nicht unter Dauerbeschuss.

Ein Monat verging. Eines Abends kam Christian mit mehreren vollen Einkaufstaschen nach Hause. Er stellte sie auf den Küchentisch und begann auszupacken: frischer Fisch, guter Käse, Obst, sogar eine Flasche Wein.

„Das ist für uns“, sagte er. „Und für Mama habe ich einen kleinen Kuchen besorgt. Bin kurz bei ihr vorbeigefahren und habe nachträglich zum neuen Jahr gratuliert.“

Nora betrachtete die Lebensmittel und dann ihn. In seinem Blick lag etwas Neues – vielleicht Verantwortungsgefühl.

Sie lächelte leise. Offenbar hatte der Abend mit den Kartoffeln Wirkung gezeigt. Manchmal spricht ein leerer Teller deutlicher als jede Standpauke.

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