«Ich hab’s genommen. Mama brauchte es.» — gestand Christian mit ertapptem, trotzigem Blick

Kalt, unfair und doch schmerzlich befreiend.
Geschichten

„Alles steht doch bereit, Mama, wirklich alles!“, versicherte Christian Krause eilig und half seiner Mutter aus dem Mantel. „Nora hat sich heute selbst übertroffen. Sie wollte uns überraschen.“

Nora Albrecht trat aus der Küche in den Flur, setzte ein höfliches Lächeln auf und nickte knapp.
„Guten Abend, Frau Hoffmann. Kommen Sie herein.“

„Aber natürlich, mein Kind. Lasst mich doch mal sehen, wie ihr es euch eingerichtet habt. Christian meinte, ihr denkt über Renovierungen nach? Ach, und meine neue Waschmaschine – ein Traum! Man hört sie kaum, und die Wäsche kommt fast trocken heraus. Ihr habt mir wirklich eine Freude gemacht. Wobei es ja noch ein teureres Modell mit Dampffunktion gegeben hätte … aber nun gut, einem Geschenk schaut man nicht ins Getriebe.“

Nora erwiderte nichts. Ihre Lippen wurden schmal, doch sie schwieg. Gemeinsam betraten sie das Wohnzimmer.

Mitten im Raum war der Tisch festlich gedeckt: eine schneeweiße Tischdecke, Kristallgläser, blitzendes Besteck. Das Licht spiegelte sich in allem – nur nicht in dem, was darauf lag. Drei gekochte Kartoffeln, ein Teller mit Gewürzgurken und ein Korb mit Brot bildeten das gesamte Menü.

Gabriele Hoffmann blieb abrupt stehen, sodass Christian beinahe in sie hineinlief.

„Nora?“, fragte er unsicher. „Was… soll das sein?“

„Unser Silvesteressen“, antwortete sie ruhig, ging zu ihrem Platz und setzte sich mit bedachter Eleganz. „Bitte nehmt Platz. Vorspeisen, Hauptgang, Delikatessen – alles vorhanden.“

Die Schwiegermutter sah erst auf die Kartoffeln, dann auf die Schwiegertochter, schließlich auf ihren Sohn.
„Ist das ein Scherz?“, kicherte sie nervös. „Kommt jetzt gleich noch der Braten aus der Küche?“

„Nein“, entgegnete Nora sachlich, legte sich die gestärkte Serviette auf die Knie. „Kein Braten. Kein Kartoffelsalat, kein Lachs, kein Kaviar. Das Budget für unser Fest betrug exakt dreißigtausend Euro. Vor zwei Tagen jedoch verwandelte sich dieser Betrag in Ihre neue, wunderbar leise Waschmaschine.“

Stille senkte sich über den Raum. Man hörte nur das gleichmäßige Ticken der Wanduhr, die dem alten Jahr die letzten Minuten stahl.

„Aber…“, stammelte Christian. „Du hast doch gesagt, dir fällt etwas ein.“

„Das ist es ja“, erwiderte Nora. „Mir ist etwas eingefallen. Nämlich keine Schulden zu machen. Keinen Kredit mit Wucherzinsen aufzunehmen, nur damit wir für ein paar Stunden üppig tafeln können. Ich habe beschlossen, innerhalb unserer Möglichkeiten zu bleiben. Und übrig waren genau einhundertfünfzig Euro. Dafür gibt es Kartoffeln, Brot und eingelegte Gurken. Ach ja – eine Dose Sprotten steht auch noch da. Christian, würdest du sie bitte öffnen? Das Messer liegt daneben.“

Gabriele Hoffmanns Gesicht lief rot an.

„Das ist ja unerhört!“, rief sie schrill. „Willst du mir etwa vorwerfen, ich hätte euch ausgenommen? Mein Sohn macht seiner Mutter ein Geschenk – aus Liebe! Und du servierst uns trockene Kartoffeln als Vorwurf?“

„Ich werfe nichts vor“, sagte Nora mit einer Kälte in der Stimme, die an gefrorenes Glas erinnerte. „Ich stelle lediglich fest: Das Geld, das wir für diesen Abend zurückgelegt hatten, wurde anderweitig ausgegeben. Christian hat sich entschieden – für Ihren Komfort statt für unser gemeinsames Fest. Das respektiere ich. Aber Geld wächst nicht nach. Wenn es hier ausgegeben wird, fehlt es dort.“

„Christian!“, wandte sich Gabriele empört an ihren Sohn. „Lässt du dir so etwas gefallen? Ich habe mich vorbereitet, war beim Friseur – und nun das? Pellkartoffeln zum Jahreswechsel?“

Christian blickte hilflos zwischen den beiden Frauen hin und her. Sein Gesicht war hochrot. Scham, Ärger und Ratlosigkeit rangen in ihm miteinander. Er wusste, dass Nora nicht Unrecht hatte – doch das laut auszusprechen, vor seiner Mutter, brachte er nicht über sich.

„Nora, das ist doch etwas übertrieben“, murmelte er. „Eine Hähnchenkeule hättest du schon besorgen können…“

„Und wovon bitte?“, fuhr sie ihn an. „Vom Geld für meine Monatskarte? Soll ich zu Fuß zur Arbeit gehen? Oder mittags nichts mehr essen? Ich spare ohnehin an allen Ecken. Und du verteilst mit großzügiger Geste unsere Rücklagen – und erwartest dann ein Festmahl? Wenn du der perfekte Sohn sein willst, dann verdiene das zusätzliche Geld selbst. Aber nimm es nicht aus unserem Haushalt.“

„Haushalt? Familie?“, rief Gabriele und schlug die Hände zusammen. „Familie bedeutet Zusammenhalt! Dass man teilt – notfalls das letzte Hemd! Und du? Du bist kleinlich und selbstsüchtig. Ich habe es immer geahnt: Du passt nicht zu meinem Sohn.“

„Mag sein“, sagte Nora leise und stand auf. „Dann verderbe ich euch den Abend nicht weiter. Die Kartoffeln sind übrigens gut gelungen – schön mehlig. Und die Sprotten sind auch genießbar. Einen guten Rutsch.“

Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Wohnzimmer, ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich ab. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass es in ihren Ohren rauschte. Sie ließ sich auf das Bett sinken, atmete zittrig ein und aus und griff schließlich mit bebenden Fingern nach der Schublade der Kommode.

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