«Ich hab’s genommen. Mama brauchte es.» — gestand Christian mit ertapptem, trotzigem Blick

Kalt, unfair und doch schmerzlich befreiend.
Geschichten

Und nun …

„Dir fällt schon etwas ein.“ Dieser Satz hämmerte in ihrem Kopf wie ein störendes Echo und ließ eine kalte Wut in ihr aufsteigen. Wie oft hatte sie das schon gehört? „Nora, Mama braucht Geld für Setzlinge im Garten, überleg dir doch was.“ – „Nora, ich habe das Auto angefahren, die Lackierung ist dringend, schau mal, wo man sparen kann.“ Und jedes Mal war es Nora gewesen, die Lösungen fand. Sie strich Posten zusammen, schob Anschaffungen auf, verzichtete auf ein neues Make-up oder die Bluse im Schaufenster, die ihr so gefallen hatte.

Doch diesmal war eine Grenze erreicht.

Am Abend tat Christian Krause, als sei nichts vorgefallen. Er saß vor dem Fernseher, lachte über eine alberne Show und wirkte vollkommen entspannt. Für ihn war die Angelegenheit erledigt: Seine Frau hatte kurz protestiert, also würde sie sich schon beruhigen. Sie würde, wie so oft, mit einem unsichtbaren Zauberstab schwenken – und plötzlich stünde alles bereit.

Am nächsten Morgen, dem 30. Dezember, ging Nora ins Büro. Überall herrschte vorweihnachtliche Hektik. Zwischen Aktenordnern lagen Plätzchendosen, Kolleginnen tauschten Rezepte aus und diskutierten, wo es die besten Angebote gab.

„Nora, machst du die Gans mit Äpfeln oder mit Orangen?“ fragte Elisa Becker aus der Buchhaltung und rührte in ihrem Tee.

„Mit Luft“, entgegnete Nora trocken, setzte aber sofort ein höfliches Lächeln auf. „Dieses Jahr probieren wir es minimalistisch.“

Nach Feierabend steuerte sie nicht den großen Supermarkt an, den sie ursprünglich eingeplant hatte. Stattdessen betrat sie den kleinen Laden um die Ecke. In ihren Korb wanderten eine Packung Salz der billigsten Sorte, ein Laib dunkles Brot und eine Dose Sprotten. Nach kurzem Zögern legte sie noch drei Kartoffeln dazu. An der Kasse zählte sie sorgfältig Münzen aus ihrem Manteltaschenfutter zusammen.

Zu Hause empfing Christian sie mit erwartungsvollem Blick.

„Und? Alles besorgt? Ich habe übrigens mit Mama telefoniert. Sie kommt morgen Abend zu uns, will mit uns ins neue Jahr starten und die Waschmaschine einweihen.“

Nora blieb im Flur stehen, die Stiefel noch an den Füßen.

„Deine Mutter kommt?“ wiederholte sie ruhig.

„Natürlich. Soll sie etwa allein feiern? Gegen neun ist sie hier. Mach dir keine Sorgen, sie ist nicht anspruchsvoll. Hauptsache, wir sind zusammen.“

„Wunderbar“, sagte Nora und nickte. „Ganz wunderbar.“

Etwas in ihr klickte, als hätte das letzte Teil eines Puzzles seinen Platz gefunden. Also würde Gabriele Hoffmann erscheinen – jene Gabriele Hoffmann, die am Vortag eine Waschmaschine für dreißigtausend Euro aus ihrem gemeinsamen Budget erhalten hatte. Und selbstverständlich erwartete sie einen festlich gedeckten Tisch. Schließlich würde Nora sich „etwas einfallen lassen“.

Sie zog Mantel und Schal aus, ging in die Küche und begann mit den Vorbereitungen. Drei Kartoffeln kochte sie in der Schale weich. Aus dem Vorratsschrank holte sie ein Glas selbst eingelegter Gurken – immerhin aus dem Sommer, ohne zusätzliche Kosten. Das Brot schnitt sie in gleichmäßige, dünne Scheiben.

Dann nahm sie die schönste Tischdecke aus dem Schrank: strahlend weiß, mit goldenen Schneeflocken bestickt. Sie hatte sie stets für besondere Anlässe aufbewahrt. Auf den Tisch stellte sie das gute Porzellan mit Goldrand, die Kristallgläser und das silberne Besteck ihrer Großmutter.

In die Mitte platzierte sie eine große Servierplatte. Darauf lagen, einsam und unspektakulär, die drei gekochten Kartoffeln. In einer gläsernen Schale arrangierte sie die in Scheiben geschnittenen Gurken. Daneben ein Teller mit Brot. Die Dose Sprotten blieb verschlossen; der Dosenöffner lag demonstrativ daneben.

„Mehr gibt es nicht“, murmelte sie leise und betrachtete ihr Werk. „Ganz nach Wunsch.“

Am 31. Dezember schlief Christian lange. Gut gelaunt streckte er sich im Bett.

„Nora! Gibt es Frühstück?“ rief er in die Wohnung.

„Im Kühlschrank“, antwortete sie aus dem Bad.

Er fand einen Topf mit Buchweizen vom Vortag.

„Ziemlich karg heute“, murrte er, aß jedoch alles auf. „Bist du schon am Kochen? Es riecht … merkwürdig.“

„Es ist alles vorbereitet“, erklärte Nora, als sie im Bademantel mit Handtuch um den Kopf aus dem Bad kam. „Der Tisch ist gedeckt. Bitte geh nicht ins Wohnzimmer, es soll eine Überraschung bleiben. Bis heute Abend darf alles in Ruhe durchziehen.“

Christian rieb sich zufrieden die Hände.

„Eine Überraschung! Das klingt gut. Ich wusste, dass du das meisterst.“

Den restlichen Tag widmete Nora sich ausschließlich sich selbst. Sie gönnte sich eine Gesichtsmaske, lackierte ihre Nägel sorgfältig und frisierte ihr Haar. Schließlich schlüpfte sie in ihr dunkelblaues Samtkleid. Christian betrachtete sie anerkennend.

„Du siehst umwerfend aus. Mama wird begeistert sein. Übrigens bringt sie auch etwas mit – bestimmt etwas Praktisches für die Wohnung.“

Kurz vor neun klingelte es. Vor der Tür stand Gabriele Hoffmann, die Wangen vom Frost gerötet, auf dem Kopf eine neue Nerzmütze. In der Hand hielt sie eine kleine Geschenktüte.

„Einen wunderschönen Silvesterabend, meine Lieben!“, rief sie, während sie energisch die Wohnung betrat. „Was für ein herrliches Wetter draußen – Schnee, glitzernd wie auf einer Postkarte. Und bei euch ist es so warm und gemütlich. Sagt mal, wonach duftet es hier? Nach Tannenzweigen? Aber wo sind denn die verführerischen Küchengerüche?“

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