«Ich hab’s genommen. Mama brauchte es.» — gestand Christian mit ertapptem, trotzigem Blick

Kalt, unfair und doch schmerzlich befreiend.
Geschichten

„Wo ist das Geld, das wir für das Silvesteressen zurückgelegt haben?“, fragte Nora Albrecht und griff nach der Blechdose mit dem verblassten Teelabel, die ganz oben auf dem Küchenschrank stand.

Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, streckte den Arm so weit es ging aus – doch ihre Fingerspitzen berührten nichts als den kalten Metallboden. Leer. Ihr Herz setzte für einen Moment aus. In zwei Tagen war Silvester. In dieser Dose hatten 3.000 Euro gelegen – mühsam zusammengespart in den letzten acht Wochen. Von jedem Gehalt, von jeder kleinen Sonderzahlung war etwas zur Seite gelegt worden. Das Geld war gedacht für den Einkauf, für Geschenke füreinander und für ein bisschen Feststimmung in den freien Tagen.

Christian Krause saß am Küchentisch, vertieft in sein Smartphone, und scrollte durch Nachrichten. Er hob nicht einmal den Blick. Nur ein leichtes Schulterzucken – als ginge es um eine Nebensächlichkeit.

„Christian, ich rede mit dir“, sagte Nora schärfer. „Die Dose ist leer. Wo ist das Geld geblieben?“

Er legte das Handy schließlich beiseite und sah sie an. Sein Gesichtsausdruck erinnerte sie an einen ertappten Jugendlichen – eine Mischung aus schlechtem Gewissen, Trotz und dem Wunsch, das Thema rasch zu wechseln.

„Ach, Nora, fang jetzt bitte nicht so an“, murmelte er. „Ich hab’s genommen. Mama brauchte es.“

Langsam ließ sie sich ihm gegenüber auf den Stuhl sinken. Ihre Knie fühlten sich weich an, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. In ihrem Kopf rauschte es.

„Deine Mutter?“, wiederholte sie leise. „Was ist diesmal bei Gabriele Hoffmann passiert? Ist das Dach eingestürzt? Der Fernseher explodiert? Oder braucht ihr Kater dringend eine Wellnesskur?“

„Spar dir den Sarkasmus“, fuhr Christian sie an und drehte das Handy mit dem Display nach unten. „Sie hat ein echtes Problem. Die Waschmaschine ist kaputt. Komplett. Der Techniker meinte, Reparieren lohnt sich nicht mehr, das Ding ist Schrott. Was soll sie denn machen ohne Maschine? Sie ist fünfundsechzig, Nora! Soll sie Bettwäsche in der Badewanne schrubben? Mit ihrem Rücken?“

Nora atmete tief ein, dann langsam wieder aus. Ihre Hände zitterten leicht.

„Christian“, begann sie beherrscht, „deine Mutter ist fünfundsechzig, nicht neunzig. Und die Maschine war ein Markengerät – wir haben sie vor fünf Jahren selbst mit ausgesucht. Aber selbst wenn sie irreparabel ist: Warum ausgerechnet jetzt? Zwei Tage vor Silvester? Und warum musste es gleich unser gesamtes Erspartes sein?“

„Weil es gerade Rabatte gibt!“, rief er und breitete die Arme aus, als erkläre er etwas Offensichtliches. „Jahresendangebote. Wir haben ein tolles Modell gefunden – mit Trocknerfunktion und zig Programmen. Davon hat sie immer geträumt. Von ihrer Rente kann sie so etwas doch nie bezahlen. Was hätte ich sagen sollen? ‚Tut mir leid, Mama, wir wollen lieber Lachs und Sekt auf dem Tisch‘?“

„Es ging nicht nur um Luxusessen“, entgegnete Nora bitter. „Von dem Geld sollten Fleisch, Gemüse, Getränke und Geschenke bezahlt werden. Wir wollten Gäste einladen. Deine Freunde übrigens. Milo Klein mit seiner Frau. Xaver Otto. Wovon sollen wir sie bewirten?“

Christian winkte ab, stand auf und stellte den Wasserkocher an. „Jetzt übertreib mal nicht. Du hast doch immer Vorräte. Wir machen Kartoffeln, holen ein Hähnchen, das kostet fast nichts. Du bist doch kreativ, zauberst ein paar Salate aus dem, was da ist. An Silvester zählt die Stimmung, nicht das Menü. Man muss aus Essen keinen Kult machen.“

„Ein Hähnchen kaufen?“, fragte Nora und starrte auf seinen Rücken. „Mit welchem Geld? In meinem Portemonnaie sind noch 150 Euro bis zum nächsten Gehalt am zehnten Januar. Und bei dir offenbar auch nichts mehr, sonst hättest du die Dose nicht angerührt.“

Er zögerte. „Wir können uns doch etwas leihen. Oder ich nehme was von der Kreditkarte. Das zahlen wir wieder zurück. Aber Mama war so glücklich über die neue Maschine, Nora. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen. Sie hat sofort Kuchen gebacken und will uns welchen vorbeibringen.“

„Großartig“, sagte Nora trocken. „Kuchen statt Festessen. Wirklich perfekt.“

Sie stand auf und verließ die Küche, bevor sie etwas sagte, das sie später bereuen würde. Christian verstand es nicht – oder wollte es nicht verstehen. Für ihn war das gemeinsame Budget offenbar eine Art unerschöpflicher Topf, aus dem man jederzeit etwas entnehmen konnte, wenn seine Mutter Bedarf anmeldete. Und Nora würde es schon irgendwie richten.

Im Schlafzimmer setzte sie sich auf die Bettkante und vergrub das Gesicht in den Händen. Tränen brannten hinter ihren Lidern. Es ging ihr nicht einmal in erster Linie um das Geld. Es war dieses Selbstverständnis, mit dem über ihre Planung hinweg entschieden worden war. Den ganzen Dezember über hatte sie Menüs entworfen, Rezepte verglichen, Einkaufslisten geschrieben. Sie hatte sich auf ein festliches, warmes Zuhause gefreut – auf Lichterglanz, Tannenduft und einen Tisch, der nach Gewürzen und einer goldbraun gebratenen Gans roch.

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