„…und die Erbsen? Und wo ist ordentliches Dosenfleisch?“
Nora rieb sich müde die Schläfen. „Frau Bauer, wir kaufen das, was wir tatsächlich essen. Und vielleicht könnten Sie ein wenig leiser sein? Es ist Samstag.“
„Was soll daran falsch sein? Anständige Menschen stehen früh auf und verschlafen nicht den halben Tag! Felix, raus aus den Federn, Frühstück!“
Aus dem Schlafzimmer schlurfte Felix Krüger – lediglich in Unterhose, mit zerzaustem Haar und lautem Gähnen. Er kratzte sich am Bauch und blinzelte ins Licht. „Warum wird hier seit Sonnenaufgang gebrüllt? Mein Kopf dröhnt. Lasst mich schlafen.“
Nora wandte den Blick ab. „Herr Krüger, könnten Sie sich bitte etwas anziehen?“
„Wieso denn? Ich bewege mich hier, wie ich will. Es ist warm.“
„Das hier ist aber nicht Ihre Wohnung.“
„Nora, nun übertreib nicht“, mischte sich Lukas beschwichtigend ein. „Onkel Felix hat eben schlecht auf dem Sofa geschlafen.“
„Ach was, daran gewöhnt sie sich schon“, winkte Felix gönnerhaft ab. „Gibt’s Kaffee?“
Am Ende der ersten Woche fühlte Nora sich wie eine Fremde in den eigenen vier Wänden. Louisa Gross hatte das Badezimmer okkupiert; überall hingen ihre Kleidungsstücke, als sei es eine Boutique. Felix qualmte trotz mehrfacher Bitten auf dem Balkon, und Beatrice rückte im Wohnzimmer die Möbel hin und her, bis nichts mehr an die ursprüngliche Ordnung erinnerte.
„Frau Bauer, könnten wir die Möbel bitte so lassen, wie sie waren?“, fragte Nora vorsichtig.
„Ach Kindchen, das war doch völlig unpraktisch! Jetzt sieht man den Fernseher viel besser. Und das Sofa steht endlich richtig.“
„Aber ich mochte es vorher.“
„Du gewöhnst dich schon daran. Junge Leute sind flexibel. Wir Älteren tun uns da schwerer.“
Am achten Tag kam Nora erschöpft von der Arbeit zurück – und stellte fest, dass ihre Kosmetika aus dem Bad verschwunden waren.
„Louisa, hast du meine Schminksachen gesehen?“
„Ach, die?“, sagte sie unbekümmert. „Ich habe deine Wimperntusche ausprobiert – fantastisch! Die Creme auch, nur schade, dass sie fast leer ist.“
„Leer? Sie war beinahe voll!“
„Na ja, ich habe etwas mit meinen Freundinnen geteilt. Sei doch nicht kleinlich, Nora. Schönheit kostet nun mal.“
„Das war teure Pflege!“
Louisa lachte. „Dann war es doch gut investiert. Kauft eben neue.“
Zwei Tage später brachte Louisa Besuch mit: Victoria Becker – platinblond gefärbt, Minirock, grelles Make-up. Sie breiteten sich im Wohnzimmer aus, drehten Musik auf und kicherten bis tief in die Nacht.
Gegen halb eins trat Nora im Bademantel zu ihnen. „Könntet ihr bitte etwas leiser sein? Ich muss morgen früh ins Büro.“
Victoria musterte sie spöttisch. „Ach, nun seien Sie doch nicht so streng. Wir sind jung, wir wollen leben!“
„Sie ist nur neidisch“, flüsterte Louisa übertrieben laut und tippte sich an die Schläfe. „Wir sind hübsch und sie ist schon… na ja.“
„Ich bin zweiunddreißig!“
„Siehst du“, kicherte Louisa. „Mit dreißig ist es vorbei. Komm, Victoria, gehen wir lieber zu Daniel aus dem Erdgeschoss. Da stört sich keiner.“
„Ist der wenigstens attraktiv?“
„Geschieden, ganz nett. Und vor allem: keine nörgelnden Verwandten.“
Sie verschwanden und kehrten erst gegen drei Uhr morgens zurück – laut singend, die Absätze klackerten durchs Treppenhaus.
Am nächsten Morgen fing Nora ihren Mann im Flur ab. „Lukas, so geht das nicht weiter. Unsere Wohnung ist ein Durchgangslager geworden.“
Er zog sich die Jacke über. „Halte noch ein bisschen durch. Was soll ich sagen? Dass sie verschwinden sollen? Das wäre doch unhöflich.“
„Und was hier passiert, ist höflich? Gestern hat deine Tante den Kuchen gegessen, den ich für den Geburtstag einer Kollegin gekauft hatte! Ich musste abends noch eine Konditorei suchen!“
„Dann haben wir eben einen neuen besorgt. Wo ist das Problem?“
„Das Problem ist, dass du immer sie verteidigst! Ich fühle mich hier wie ein Gast.“
„Nora, es sind Verwandte. Meine Mutter hat gestern angerufen und gefragt, ob Beatrice sich eingelebt hat. Soll ich ihr erzählen, wir hätten sie hinausgeworfen?“
In diesem Moment krachte es in der Küche. Ein dumpfer Schlag, gefolgt von lautem Schimpfen. Als sie hineinliefen, sahen sie Felix neben einem umgestürzten Topf stehen. Rote Suppe breitete sich über die Fliesen aus, Scherben lagen überall.
„Hoppla“, murmelte er und hielt sich am Türrahmen fest. „Nora, bitte wisch das schnell auf. Ich komme sonst zu spät.“
Sie starrte ihn fassungslos an. „Räumen Sie Ihren Dreck selbst weg.“
„Wie redest du mit Älteren?“, empörte sich Beatrice, im fleckigen Morgenmantel. „Lukas, deine Frau kennt wohl keine Grenzen!“
Lukas’ Stimme klang leise, aber bestimmt. „Nora, entschuldige dich bei Onkel Felix.“
„Was? Wofür denn?“
„Für deinen Ton. Mach es nicht noch schlimmer.“
Ohne ein weiteres Wort holte Nora den Wischmopp. Mit zusammengebissenen Zähnen beseitigte sie die Sauerei, die nicht ihre war.
Zwei Tage später kündigte sich weiterer Besuch an, der die angespannte Lage endgültig zum Überkochen bringen sollte.
