„…bereits abgeschlossen?“ Clara sah Emil Krause prüfend an.
„Ja, schon seit letztem Jahr“, erwiderte er ohne Zögern. „Nur das Dachgeschoss fehlt noch, aber das hat keine Eile. Ich rufe demnächst einen Freund, dann bringen wir das rasch hinter uns.“ Stolz deutete er auf das Wohnzimmer. „Ist doch wirklich gelungen, oder?“
Clara rang sich ein knappes Lächeln ab, verabschiedete sich kurz darauf und verließ das Haus mit festem Schritt. Kaum saß sie im Taxi zurück in Richtung Innenstadt, kochte die Wut in ihr hoch. „Das war’s, Severin“, murmelte sie bitter. „Ein Jahr lang hast du mich benutzt. Das verzeihe ich dir niemals.“
Zuhause angekommen, öffnete sie schweigend die Schränke, zog Hemden, Jacken, Schuhe heraus und stopfte alles in zwei große Koffer. Jeder Handgriff saß. Danach öffnete sie eine Ortungs-App auf ihrem Handy. Ein Blick auf die Karte genügte: Severins Standort blinkte deutlich sichtbar bei einem bekannten Restaurant in Nürnberg.
Ohne zu zögern, lud sie die Koffer ins nächste Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse. Als sie vor dem Lokal anhielt, brauchte sie keine Sekunde, um sich zu vergewissern. Durch die breite Fensterfront sah sie Severin Fuchs und Valentina Krüger an einem festlich gedeckten Tisch sitzen. Sie lachten, stießen mit Wein an – offensichtlich feierten sie den gelungenen Immobilienkauf.
Mit zusammengebissenen Zähnen stieß Clara die Tür auf. Das Murmeln im Raum verstummte, als sie die beiden Koffer hinter sich herzog. Das Rollen über den Boden hallte unüberhörbar. Direkt neben dem Tisch ließ sie das Gepäck mit einem dumpfen Schlag stehen.
„Clara? Was… was soll das?“ Severin starrte sie an, sein Gesicht verlor augenblicklich jede Farbe.
Ohne ein Wort zu sagen, öffnete sie ihre Handtasche, zog Kopien der Kaufverträge hervor und schleuderte sie auf den Tisch. Die Blätter landeten mitten im Suppenteller. Brühe schwappte über den Rand, verteilte sich auf der weißen Tischdecke. Ein Schwall traf Valentinas makellose Bluse, ein großer Scampi rutschte direkt auf Severins Hose.
„Seid ihr eigentlich völlig wahnsinnig?“ Ihre Stimme bebte vor Zorn. „Oder haltet ihr mich schlicht für dumm?“
Sie machte keinen Versuch mehr, sich zu beherrschen. Laut und unmissverständlich schleuderte sie ihre Worte durch den Raum. Gespräche an den Nebentischen verstummten, Besteck klirrte leise, während die Gäste gebannt das Schauspiel verfolgten.
„Schmarotzer. Betrüger. Ein ganzes Jahr hast du auf meine Kosten gelebt! Mir erzählt, du würdest kaum über die Runden kommen – und in Wahrheit finanzierst du deiner Mutter eine Eigentumswohnung.“
Ihr Blick schnellte zu Valentina. „Und Sie sind keinen Deut besser. Ich habe Geld beigesteuert, weil angeblich ein Kredit nicht infrage kam. Glauben Sie ernsthaft, Ihr Sohn hätte innerhalb eines Jahres mehrere Hunderttausend Euro zusammengespart?“
Clara wandte sich halb zu den umstehenden Gästen. „Die Waschmaschine? Von mir bezahlt. Die Winterreifen? Ebenfalls. Der Urlaub? Ich. Sein Smartphone, der Laptop, die halbe Garderobe – alles von meinem Geld.“
Severin setzte an zu sprechen, doch sie schnitt ihm das Wort ab. „Kein Ton! Ich bin noch nicht fertig.“
Sie atmete tief durch. „Wir lassen uns scheiden. Ich werde mir den besten Anwalt in Nürnberg nehmen, und ich hole mir jeden Cent zurück, den du mir aus der Tasche gezogen hast.“ Mit dem Fuß stieß sie einen der Koffer an. „Deine Sachen. Mehr bleibt dir nicht.“
Ihre Augen funkelten. „Und wage es nicht, mich anzurufen oder mir nachzustellen. Komm mir nicht zu nahe. Es spielt keine Rolle, dass du größer bist oder glaubst, stärker zu sein. So behandelt man keine Frau. Niemals. Und schon gar nicht mich.“
Mit einer abrupten Bewegung griff sie nach dem Suppenteller und kippte den Rest des Inhalts über sein Hemd. Dann richtete sie sich auf, hob das Kinn und verließ das Restaurant. Hinter ihr blieb eine erstarrte Stille zurück.
Die Scheidung folgte wenige Monate später. Claras Anwalt erwies sich als so durchsetzungsstark, dass Severins Vater schließlich sein Auto verkaufen musste, um die finanziellen Forderungen zu begleichen.
Severin zog wieder bei seinen Eltern ein. Seither ist er auf der Suche nach einer neuen Partnerin – möglichst wohlhabend und genügsam –, die bereit ist, ihn zu unterstützen und indirekt auch seine Familie mitzutragen. Die Raten für die Wohnung laufen weiter. Doch bislang hat sich niemand gefunden.
Ein halbes Jahr später begegnete Clara einem Mann, der beruflich erfolgreich und innerlich gefestigt war. Zum ersten Mal fühlte sie sich wirklich respektiert und umsorgt. Kurz darauf brachte sie eine Tochter zur Welt. Man hört, sie führe heute eine glückliche Ehe.
Als eine Freundin sie neulich auf Severin ansprach, lächelte Clara nur ruhig.
„Kein Mensch tritt zufällig in unser Leben“, sagte sie nachdenklich. „Manche schenken uns Freude. Andere lehren uns, stark zu werden.“
Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu:
„Geduld ist wichtig, ja. Aber das Leben ist zu kurz, um dauerhaft etwas zu ertragen, das uns nicht guttut.“
