… die sich unausweichlich in ihr Bewusstsein drängte.
Gedanken rasten weiter durch Claras Kopf, überschlugen sich, griffen ineinander.
Er brauchte also Geld. Für irgendetwas Konkretes.
Und während er bei ihr wohnte, behauptete, kaum über die Runden zu kommen, legte er heimlich Beträge zur Seite. Er lebte von ihrem Einkommen – und sparte für eigene Pläne.
Und wer war in seinem Leben wichtiger als sie?
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Tränen stiegen ihr in die Augen, erst lautlos, dann unaufhaltsam. Wut und Enttäuschung jagten wie Stromstöße durch ihren Körper, ließen ihre Hände zittern. Von Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden lag sie wach, starrte ins Dunkel, zerkaute jeden Verdacht. Als sie endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, war es beinahe Mittag, als sie wieder aufschreckte.
„Die Scheidung steht fest“, murmelte sie heiser. „Aber vorher werde ich herausfinden, was dieser Idiot vor mir verbirgt.“
Severin hatte am Abend zuvor beiläufig erwähnt, dass er am nächsten Tag „eine Überweisung erledigen“ müsse. Also würde sie genau dort ansetzen.
Mit diesem Entschluss ging sie unter die Dusche.
Den restlichen Tag verbrachte Clara damit, die Wohnung in Ordnung zu bringen, Wäsche zu waschen, alltägliche Besorgungen zu erledigen – mechanisch, als würde sie eine Rolle spielen. Als Severin am Abend von seinen Eltern zurückkam, empfing sie ihn mit ruhiger Miene. Kein Vorwurf, kein misstrauischer Blick. Sie war innerlich bereits auf Distanz gegangen, doch nach außen hin blieb sie die ahnungslose Ehefrau.
Am Montag sagte sie sämtliche Termine ab. Kaum hatte Severin das Haus verlassen, folgte sie ihm. Am Vortag hatte sie unauffällig einen kleinen Ortungschip besorgt – getarnt als schlichter Schlüsselanhänger – und ihn in seiner Aktentasche befestigt.
Sie nahm sich ein Taxi und ließ sich in einiger Entfernung hinter ihm halten. Zuerst steuerte Severin eine Bankfiliale an. Danach fuhr er weiter zu einem modernen Bürokomplex. Clara blieb im Wagen sitzen und beobachtete den Eingang. Ihr Herz klopfte bis zum Hals.
Fünf Minuten später erstarrte sie: Valentina Krüger betrat ebenfalls das Gebäude.
„Natürlich“, flüsterte Clara bitter. „Seine Mutter steckt mit drin. Deckt ihn. Diese Familie…“
Doch was genau trieben sie dort?
Als die beiden das Gebäude wieder verließen, wartete Clara noch einen Moment, bevor sie ausstieg und selbst hineinging.
Im Foyer studierte sie die Tafel mit den Firmennamen. Druckerei. Tanzschule. Fenstervertrieb. Hochzeitsagentur. Übersetzungsbüro. Modelagentur. Fotostudio. Nichts davon passte zu einer diskreten Geldangelegenheit.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Ein Wachmann hatte sie ins Visier genommen.
Clara zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. „Mein Mann war gerade mit seiner Mutter hier. Sie haben ein wichtiges Dokument liegen lassen. Ich sollte es abholen.“
Der Mann nickte. „Dann suchen Sie vermutlich die Immobilienentwicklung im dritten Stock, Abteilung Verkauf. Darf ich Ihren Ausweis sehen?“
Ihr Nachname stimmte mit dem ihres Mannes überein. Ohne Argwohn stellte er ihr einen Besucherausweis aus und erklärte den Weg.
Im entsprechenden Büro trat sie an den Empfang. „Guten Tag. Mein Mann und meine Schwiegermutter waren eben hier. Man bat mich, eine Kopie der Unterlagen mitzunehmen.“
Die Mitarbeiterin lächelte höflich, rief die Datei auf und druckte mehrere Seiten aus. Sorgfältig legte sie alles in eine Mappe und reichte sie Clara.
Draußen, während sie auf das nächste Taxi wartete, schlug Clara die Unterlagen auf.
Dreizimmerwohnung. Neuer Wohnpark in Nürnberg. Achtzig Quadratmeter. Anzahlung bereits geleistet. Fertigstellung in sechs Monaten.
Käuferin: Valentina Krüger.
Clara musste sich am Geländer festhalten. „Dafür also“, murmelte sie tonlos. „Kein Geld für uns, aber eine Eigentumswohnung für seine Mutter.“
Die Summe der Anzahlung ließ ihr den Atem stocken. Während sie jeden Cent umdrehte, um „den Umbau bei seinem Bruder“ zu unterstützen, flossen Millionen in dieses Projekt.
Mit versteinertem Gesicht stieg sie ins Taxi. „Bitte raus nach Falkenried“, sagte sie knapp und nannte die Adresse von Emil Krause, Severins Bruder.
Während der Fahrt starrte sie auf die Hochglanzbilder des Wohnparks. „Vier Millionen Euro Anzahlung“, dachte sie. „Und ich habe ihnen Geld gegeben, damit sie angeblich ihr Haus fertig renovieren können…“
Vor Emils Haus angekommen, musterte sie das Gebäude. Frisch gestrichene Fassade, neue Fenster, eine moderne Terrasse. Hier sah nichts nach einer halbfertigen Baustelle aus.
Die Tür ging auf. Emil trat heraus und blinzelte überrascht. „Clara? Was machst du denn hier?“
Sie setzte ein unverbindliches Lächeln auf. „Ich war in der Nähe. Mein Handy ist leer, der Taxifahrer hat kein Ladegerät, und dein Haus lag auf dem Weg. Darf ich kurz rein und es aufladen?“
„Ja, klar, komm rein.“ Er öffnete das Tor.
Clara trat ein und ließ den Blick bewusst durch die Räume schweifen. Alles wirkte fertig, geschmackvoll eingerichtet, keineswegs nach einer Baustelle.
„Sag mal, Emil“, begann sie beiläufig, „Valentina hat neulich etwas von Renovierungsarbeiten erzählt. Ich hatte verstanden, dass hier noch einiges offen ist…“
