— …für die Renovierung seiner Wohnung, und du hast sie einfach abgewiesen. Und dabei auch noch verletzende Dinge gesagt. — Severin warf Clara einen missbilligenden Blick zu, während er ins Wohnzimmer ging. — Geht es dir eigentlich gut?
Clara legte das Buch langsam zur Seite. Ihre Augen funkelten kühl.
— Entschuldige bitte, aber verstehe ich das richtig? Du stellst dich auf ihre Seite? Erwartest du ernsthaft, dass ich die Modernisierung der Wohnung deines Bruders bezahle?
— Jeder von uns trägt seinen Teil bei. So macht man das in einer Familie. Meine Eltern haben Geld gegeben, ihre Schwiegereltern ebenfalls, ich habe etwas überwiesen… Jetzt wärst du eben dran. — Er ließ sich aufs Sofa sinken und verschränkte die Finger ineinander, als halte er eine wohlüberlegte Rede.
Ein schmales Lächeln huschte über Claras Gesicht.
— Ach wirklich? Für eine neue Waschmaschine, Winterreifen oder einen gemeinsamen Urlaub reicht es bei deinen Eltern angeblich nie. Aber sobald dein Bruder tapezieren will, öffnen sich plötzlich sämtliche Geldquellen.
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:
— Und noch etwas interessiert mich: Woher nimmst du eigentlich dein Geld? Immer wenn es um größere Ausgaben geht, erklärst du mir, du seist gerade knapp bei Kasse — außer es handelt sich um Lebensmittel.
Severin seufzte schwer.
— Du weißt doch, wie mein Job ist. Als Makler verdient man mal gut, mal gar nichts. Gestern habe ich eine Wohnung vermittelt, und das Erste, was ich getan habe, war, meiner Mutter etwas zu schicken. — Er zog seine Uhr vom Handgelenk und legte sie demonstrativ auf den Tisch.
Clara lehnte sich im Sessel zurück, schlug die Beine übereinander und sah ihn durchdringend an.
— Komisch. Seit einem Jahr kann ich mich an keinen Monat erinnern, in dem du mehr als vierzigtausend Euro verdient hättest. Ich dagegen bringe regelmäßig eine halbe Million im Monat nach Hause. Zwischen uns klafft finanziell eine Lücke so groß wie die Region um Nürnberg.
Ihre Stimme wurde schärfer.
— Ich bezahle hier alles. Deine Kleidung, deine alten Kredite, sogar unseren Urlaub am Meer habe ich finanziert. Sag mir: Wer führt diesen Haushalt eigentlich? Du willst mir etwas von „Familienwerten“ erzählen?
Severin hob beschwichtigend die Hände.
— Ich spiele mich nicht als Macho auf. Im Moment läuft es nur nicht rund. Aber warte ab, mein Projekt wird durchstarten. Und dass du jetzt nicht helfen wolltest … das werde ich mir merken. Wenn es soweit ist, reden wir noch einmal darüber.
Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er im Schlafzimmer. Argumente hatte er keine mehr, also rettete er sich mit einer Drohung in den Rückzug.
— Finde erst einmal heraus, wie dein großartiges Projekt überhaupt funktionieren soll! — rief Clara ihm hinterher. — Nicht einmal ein Kind kannst du mir schenken!
Die Worte entglitten ihr im Zorn. Mit fünfunddreißig wünschte sie sich nichts sehnlicher als ein Baby. Severin war fünf Jahre jünger, und seit über einem Jahr blieb jeder Versuch vergeblich.
Noch am selben Abend fasste sie einen Entschluss: Von nun an würde niemand aus seiner Familie auch nur einen Cent von ihr sehen. Sie holte frische Bettwäsche aus dem Schrank, zog das Schlafsofa im Wohnzimmer aus und beschloss, früh schlafen zu gehen. Abstand schien ihr das Vernünftigste.
Kurz nach Mitternacht wurde sie wach. Sie musste ins Bad. Auf dem Weg dorthin bemerkte sie Licht in der Küche. Aus dem Halbdunkel heraus sah sie Severin am Tisch sitzen, das Handy ans Ohr gepresst, die Stimme gedämpft.
— Nein, sie ahnt nichts. Wir stehen kurz davor. Übermorgen kann ich die Summe überweisen. Fast alles ist zusammen.
Clara erstarrte. Kein Laut entging ihr. Mit jedem weiteren Satz weiteten sich ihre Augen.
— Mach dir keine Sorgen. Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich kümmere mich darum, versprochen. Alles wird gut. — Seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
Claras Hand schnellte vor ihren Mund.
Der wichtigste Mensch? Nicht sie? Gab es noch eine andere?
Severin sprach weiter, ohne zu ahnen, dass er belauscht wurde.
— Dieses Jahr habe ich ordentlich zurückgelegt. Du hattest recht: In Claras Wohnung zu ziehen, um mehr sparen zu können, war genial. Danke noch mal für den Tipp.
Er stand auf, schenkte sich ein Glas Wein ein und lachte leise.
Clara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
Also ein Plan. Schon vor der Hochzeit.
Er hatte sie benutzt.
Lautlos schlich sie zurück ins Wohnzimmer und legte sich hin, ohne an Schlaf denken zu können. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen wie die Räder einer Lokomotive auf Schienen. Gedanken wirbelten durch ihren Kopf, überschlugen sich, kreisten immer wieder um dieselbe Frage, die sich unausweichlich in ihr Bewusstsein drängte …
