«Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben.» — flüstert Severin am Telefon, während Clara belauscht und vor Entsetzen erstarrt

Unverschämt, verlogen — eine erbärmliche Enttäuschung.
Geschichten

— Ihre Forderung ist ja wohl der Gipfel der Dreistigkeit. Nehmen Sie gefälligst den Mund nicht so voll und verlassen Sie sofort mein Haus! — Clara Hartmann riss die Wohnungstür so abrupt auf, dass sie gegen die Wand schlug.

— Ihr Sohn lebt nun seit einem Jahr praktisch auf meine Kosten. Und jetzt erwartet er ernsthaft, dass ich die komplette Verwandtschaft auf meinen Schultern trage? Glauben Sie, ich breche nicht irgendwann darunter zusammen? — Mit einer schroffen Bewegung hielt sie ihrer verdutzten Schwiegermutter den Mantel entgegen.

— Haben Sie eigentlich jede Vorstellung von Anstand verloren, oder standen Sie damals in der Schlange für Unverschämtheit ganz vorne? — Clara musterte Valentina Krüger mit unverhohlener Abscheu.

— Clara, was redest du da? — brummte die Schwiegermutter, ohne Anstalten zu machen zu gehen.

— Ist es denn zu viel verlangt, dem Bruder meines Mannes unter die Arme zu greifen? Geld hast du doch genug, so viel, dass es bei dir schon Staub ansetzt. — Valentinas Blick schweifte demonstrativ durch das geschmackvoll und kostspielig eingerichtete Wohnzimmer.

— Ja, ich verdiene gut. Aber Ihr Verhältnis zu meinem Geld ist ungefähr so passend wie Schnee in der Sahara. — Claras Stimme wurde schneidend. — Warum sollte ich die Renovierung des Bruders meines Mannes finanzieren? Ist er etwa völlig hilflos?

— Clara, er steckt momentan in Schwierigkeiten. Seit drei Monaten findet er keine Arbeit… Die Renovierung der Wohnung ist auf halbem Weg stehen geblieben. Mit einem kleinen Kind zwischen Baustellenstaub und offenen Wänden zu leben, ist kein Zustand. — Valentina seufzte tief, wie immer theatralisch, wenn es um Geld ging.

Sobald es ums Finanzielle ging, verwandelte sich die Schwiegermutter in eine leidende Heldin. Ein schwerer Atemzug, ein klagender Blick — und schon sollte Mitleid entstehen.

Gewöhnlich hatte Clara am Ende nachgegeben. Es wurde diskutiert, gestritten, manchmal laut, doch schließlich überwies sie den geforderten Betrag. Dieses Mal jedoch war etwas anders. Die Ehefrau ihres Sohnes blieb unbeirrbar. Zum ersten Mal bekam Valentina ein klares Nein zu hören.

— Es ist nicht mein Problem, dass Ihr zweiter Sohn weder Ehrgeiz noch Durchhaltevermögen besitzt. „Er findet nichts“, heißt es immer. — Clara blieb demonstrativ im Türrahmen stehen.

— Glauben Sie vielleicht, mir wächst das Geld auf den Bäumen? — Sie presste die Lippen zusammen. — Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass ich jedes Mal zusätzliche Aufträge annehme, wenn ich Ihnen aushelfe? Dass ich dafür mehr arbeite? Haben Sie darüber je nachgedacht?

— Clara, ich habe dich doch nie um etwas Großes gebeten. Nur Kleinigkeiten… — Valentina legte ihren Mantel auf das schmale Schränkchen im Flur, als gehöre ihr die Wohnung.

— Einmal im Leben komme ich mit einer wirklich wichtigen Bitte, und du weist mich ab. So sieht also Dankbarkeit aus? — setzte sie an, doch Clara schnitt ihr das Wort ab.

— Einmal im Leben? — Claras Augen wurden groß vor Empörung. — Letzten Monat habe ich Ihnen eine neue Waschmaschine bezahlt. Vor zwei Monaten habe ich fünfzigtausend Euro zu Ihrer Urlaubsreise beigesteuert. Im Oktober gab es für Ihren Mann neue Winterreifen — ebenfalls von mir. Ist das alles „einmal im Leben“?

Valentina schwieg einen Moment, doch Clara ließ ihr keine Pause.

— Oder beginnt für Sie Hilfe erst bei Summen jenseits der Million? — Ihre Gereiztheit war nicht zu überhören.

— Es reicht jetzt. Gehen Sie bitte. Jede weitere Minute hier strapaziert meine Nerven. — Mit schnellen Schritten trat Clara auf sie zu, drückte ihr den Mantel in die Arme und bugsierte sie, beinahe mit sanfter Gewalt, zur Tür hinaus.

— Ich werde meinem Sohn alles erzählen. Wie du mit seiner Mutter umgehst. Seiner eigenen Familie verweigerst du Unterstützung! — zischte Valentina, bevor die Aufzugstüren sich vor ihr schlossen.

— Sie sind nicht meine Familie! — rief Clara ihr hinterher.

— Wenn das so weitergeht, ist Ihr Sohn es vielleicht auch nicht mehr lange. — Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

Einen Moment blieb Clara reglos stehen. — Unglaublich… völlig verdrehte Vorstellungen von Gerechtigkeit. Ich werde ganz sicher nicht zur Dauerfinanzierin dieser Familie. Sollen sie sich jemand anderen suchen. — Sie öffnete das Fenster, um den schweren Duft von Valentinas Parfüm aus der Wohnung zu vertreiben.

Dann nahm sie ein Buch zur Hand und begann mechanisch zu lesen. Die Worte rauschten an ihr vorbei, ohne dass sie sie wirklich wahrnahm. Stunden vergingen unbemerkt, bis der Abend anbrach — und damit der nächste Konflikt.

Um acht Uhr kehrte Severin Fuchs von der Arbeit zurück. Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er zumindest eine feste Anstellung, doch sein Einkommen deckte kaum die laufenden Kosten. Dass Clara deutlich mehr verdiente, empfand er als selbstverständlich — und nutzte es ohne sichtbares Schuldgefühl.

Vielleicht lag diese Neigung, sich bequem von anderen tragen zu lassen, tatsächlich in der Familie.

— Clara, warum hast du meiner Mutter nicht geholfen? — Kaum hatte Severin die Schwelle überschritten, begann er mit Vorwürfen.

— Wobei genau? — Sie hob den Blick langsam von ihrem Buch.

— Na ja… Meine Mutter hat dich doch um Geld gebeten. Für meinen Bruder …

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