Viktor Seidel stand da wie versteinert. Sein Mund war noch halb geöffnet, doch von der eben noch zur Schau getragenen Selbstgewissheit blieb nichts übrig. Die stolze Pose zerfiel in sich, zurück blieb die hilflose Haltung eines ertappten Jungen. Ludmilla Nowak lief dunkelrot an, rang sichtbar nach Atem. Sie wollte ansetzen, empört aufschreien – doch Katharina Brandt ließ ihr keinen Raum mehr.
In Katharina war etwas unwiderruflich gekippt. Sie diskutierte nicht länger, verteidigte sich nicht, erklärte nichts. Es war, als sei in ihr ein Schalter umgelegt worden – die Sicherung für Geduld, Höflichkeit und Hoffnung endgültig durchgebrannt. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und verließ die Küche. Ihre Schritte waren ruhig, fest, beinahe bedächtig. Keine Spur von Hast, kein Anflug von Hysterie. Viktor und seine Mutter wechselten einen flüchtigen Blick; Verwirrung mischte sich mit einer Ahnung von drohendem Unheil.
Nach kurzer Zeit kehrte Katharina zurück. In der Hand hielt sie einen großen, dunkelblauen Rollkoffer – genau den, mit dem sie einst in die Flitterwochen gefahren waren. Wortlos stellte sie ihn mit einem dumpfen Aufsetzen zwischen Tisch und Tür, direkt vor die beiden, die wie festgewachsen dastanden.
Mit einem trockenen Klicken sprangen die Verschlüsse auf. Sie klappte den Deckel zurück. Das leere Innere gähnte ihnen entgegen – eine stumme, aber unmissverständliche Botschaft.
„Katharina… was soll das?“ brachte Viktor schließlich hervor, seine Stimme unsicher.
Sie reagierte nicht. Stattdessen trat sie zum Kleiderschrank an der Wand, öffnete ihn und griff nach seinem teuersten Mantel – dem aus feinem Kaschmir, den sie ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Ohne Zögern warf sie ihn in den Koffer.
„Für die Selbstverwirklichung unter realen Bedingungen“, sagte sie kühl, beinahe mechanisch. „Große Gedanken denken sich leichter, wenn man dabei nicht friert.“
Dann zog sie die Schublade der Kommode auf, nahm einen Stapel frisch gebügelter Hemden heraus und ließ sie achtlos hinterherfallen – nicht gefaltet, sondern zerknüllt.
„Die hier kannst du zu Vorstellungsgesprächen tragen. Als Visionär, als Retter der Menschheit oder als spiritueller Ratgeber. Vermutlich erwartet dort niemand eine Kleiderordnung – aber man weiß ja nie. Ein Hauch Seriosität schadet nicht.“
Viktor beobachtete die Szene mit wachsendem Entsetzen. Das hier war kein Packen für eine Reise.
Es war eine Demontage.
Schicht für Schicht zerlegte sie das Bild, das er von sich selbst aufgebaut hatte. Jedes Stück, das einmal Teil ihres gemeinsamen Lebens gewesen war, verlor in ihren Händen jede Symbolik. Übrig blieb nur der nüchterne Zweck.
„Hör auf! Katharina, sofort!“ Er griff nach ihrem Handgelenk, doch sie entzog sich ihm ruckartig, als hätte er sie beschmutzt.
Als Nächstes wandte sie sich dem Bücherregal zu. Titel über Selbstoptimierung, Philosophie, Sinnsuche – sorgfältig gereiht wie Trophäen. Mit einer einzigen Bewegung räumte sie mehrere Bände in ihre Arme und ließ sie auf die Hemden im Koffer fallen.
„Geistige Nahrung“, erklärte sie trocken. „Unterwegs wirst du reichlich davon brauchen. Mehr jedenfalls als von der anderen Art. Denn für die körperliche Versorgung – so haben wir ja gelernt – soll offenbar jemand anders zuständig sein.“
Ludmilla Nowak hatte sich inzwischen von ihrer Starre gelöst und eilte auf sie zu. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Das sind seine Sachen!“
„Waren es“, entgegnete Katharina, ohne sich umzudrehen. „Jetzt gehören sie zu Ihrem Gepäck.“ Sie nahm Viktors Laptop vom Schreibtisch und legte ihn sorgfältig ins vorgesehene Fach. „Ein Werkzeug für die Suche nach der großen Berufung. Oder für Serienmarathons. Je nach Erleuchtungsgrad.“
Zuletzt folgten seine Schuhe. Schwer polterten sie in den Koffer, als würde sie Steine hineinwerfen. Mit entschlossener Bewegung schlug sie den Deckel zu, ließ die Schlösser einrasten und zog den Griff heraus. Dann schob sie das Gepäckstück mit Nachdruck bis unmittelbar vor Ludmillas Füße. Es stoppte nur wenige Zentimeter vor ihren Schuhspitzen.
Katharina richtete sich auf. Ihr Blick glitt langsam über Mutter und Sohn. Kein Schmerz mehr darin, keine Bitterkeit – nur eine kühle, ausgebrannte Leere. Schließlich sah sie Ludmilla direkt an.
„Sie haben doch immer betont, wie außergewöhnlich Ihr Sohn ist. Bitte – nehmen Sie Ihr Ausnahmetalent mit. Ich habe mich lange genug daran sattgesehen. Vielleicht können Sie es beim Hersteller reklamieren.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ die Küche.
Zurück blieben der selbsternannte „Genie“-Sohn, seine Mutter – und der Koffer zwischen ihnen. Er stand dort wie ein Grabstein, der das Ende ihres gemeinsamen Lebens markierte. Eine dichte, bleierne Stille legte sich über die Wohnung. Und nichts würde sie je wieder mit dem Klang einer gemeinsamen Zukunft füllen.
