Damit ist das Thema für mich beendet. Trinken Sie Ihren Tee aus und nehmen Sie Ihren arbeitssuchenden Sohn gleich mit. Er wird Ihre Unterstützung ohnehin brauchen, wenn er seinen Koffer packt.
Das Wort „Koffer“ fiel wie ätzende Säure auf die Tischplatte. Mit einem Schlag fraß es sich durch die dünne Lackschicht jener familiären Harmonie, die man bisher noch mühsam aufrechterhalten hatte. Viktor Seidel, der bis eben wie eine blasse Randfigur gewirkt hatte – ein erwachsener Mann im Schatten seiner Mutter –, richtete sich abrupt auf. Langsam erhob er sich vom Stuhl, fast feierlich, als hätte er diesen Auftritt im Stillen geprobt. Den unberührten Pirog schob er demonstrativ beiseite, als wolle er sich selbst von jedem irdischen Bedürfnis lossagen. Dann wandte er den Blick Katharina zu. Nicht wie ein Ehemann, der seine Frau ansieht, sondern wie ein Verkünder höherer Wahrheiten, der auf eine unverständige Menge herabblickt.
„Du hast es nie begriffen“, begann er mit gedämpfter Stimme, die jedoch vor Pathos vibrierte. „Du wolltest mich immer in dein enges Schema pressen: Arbeit, Gehalt, Urlaub. Dieser primitive Kreislauf des bloßen Funktionierens. Du siehst nur die Oberfläche, Katharina, nur die Verpackung. Ich spreche vom Kern. Vom Wesentlichen.“
Ludmilla Nowak griff das Stichwort begierig auf. Stolz leuchteten ihre Augen, als sie erst ihren Sohn musterte und dann triumphierend zu Katharina hinübersah.
„Hörst du, wie er sich ausdrückt? Verstehst du überhaupt ein Wort? Deine kleine Welt ist ihm zu eng, viel zu eng!“
Mit einer knappen Handbewegung brachte Viktor sie jedoch zum Schweigen. Dies war seine Bühne.
„Ich habe nicht einfach ‚gekündigt‘, wie du es so plump formulierst“, fuhr er fort und trat einen Schritt vor, als halte er einen Vortrag. „Ich bin aus einem System ausgestiegen, das Menschen zermahlt und zu Zahnrädern degradiert. Ich suche keinen Job. Ich suche eine Berufung. Und das ist ein fundamentaler Unterschied. Dafür braucht man Zeit. Sammlung. Konzentration. Das ist innere Arbeit, seelische Arbeit – weitaus anstrengender, als von neun bis sechs Akten zu sortieren.“
Er badete hörbar im Klang seiner eigenen Worte, genoss die wohlgeformten, inhaltsleeren Sätze. In seiner Darstellung war er ein missverstandener Denker, gezwungen, die Gesetze des Universums jemandem zu erklären, der gerade erst gelernt hatte, ein Streichholz anzuzünden.
„Und was genau hast du in diesen zwei Wochen intensiver Seelenarbeit erreicht, Viktor?“, fragte Katharina ruhig. Ihre Kälte traf ihn härter als jedes Schreien. „Hast du vom Sofa aus ein neues Naturgesetz formuliert? Oder Erleuchtung zwischen zwei Serienfolgen gefunden?“
„Siehst du! Genau das meine ich!“ Er hob den Zeigefinger zur Decke, als wolle er ein unsichtbares Tribunal anrufen. „Du versuchst, geistiges Kapital in Geldwert zu messen! Du weißt nicht, was Burnout bedeutet – wenn nicht der Körper, sondern die Seele ausgebrannt ist! Ich habe dieser Firma meine besten Jahre gegeben, meine gesamte Energie. Und was blieb mir? Leere! Und statt mir Raum zu geben, wieder zu Kräften zu kommen, willst du mich zurück in dieselbe Knechtschaft treiben. Wofür? Für das nächste Smartphone? Für irgendeinen Strandurlaub, bei dem Leute wie du ihr Essen fotografieren?“
„Ganz genau!“, platzte Ludmilla Nowak dazwischen, erfüllt von mütterlichem Zorn. „Er ist ein Mensch mit Höhenflug, mein Sohn! Du brauchst keinen Adler, du brauchst ein Zugpferd, das deinen Karren zieht!“
Katharina hörte sich dieses perfekt eingespielte Duett an – eine Hymne aus Selbstmitleid und kindlicher Verantwortungslosigkeit. In ihr begann etwas Dunkles, Eiskaltes zu brodeln. Ihr Blick glitt über den vierzigjährigen Mann mit dem glühenden Sendungsbewusstsein in den Augen, dann zu der Mutter, die ihn mit beinahe religiöser Andacht betrachtete. Und plötzlich setzte sich das Bild vollständig zusammen.
Das hier war keine bloße Meinungsverschiedenheit. Kein gewöhnlicher Ehestreit.
Es war der Zusammenprall mit einer ganzen Haltung zum Leben – gegründet auf Ausflüchten, Selbstüberhöhung und der hartnäckigen Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Und sie war nicht länger bereit, darin eine Rolle zu spielen. Katharina richtete sich auf, jede Bewegung gespannt wie eine überdehnte Saite, kurz vor dem Reißen.
„Ludmilla Nowak, wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass ich verpflichtet bin, Ihren Sohn durchzufüttern? Er ist mein Ehemann. Er ist ein erwachsener Mann. Wenn hier jemand für den Lebensunterhalt sorgt, dann er für mich – nicht umgekehrt. Und mit Ihrer sogenannten Fürsorge verlassen Sie jetzt sofort meine Wohnung!“
Der Satz, roh und unverstellt ausgesprochen, detonierte im Raum. Für einen Augenblick breitete sich eine erstickende Stille aus, als wäre selbst die Luft gefroren und sogar die im Sonnenlicht schwebenden Staubkörner hätten sich nicht mehr zu bewegen gewagt.
