«Ludmilla Nowak, wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass ich verpflichtet bin, Ihren Sohn durchzufüttern?» — sagt Katharina kalt und schiebt einen geöffneten Koffer mit Viktors Sachen zwischen Mutter und Sohn

Herablassende Fürsorge erstickt jede Spur von Würde.
Geschichten

… und der zarte Dampf, der aus dem Porzellan aufstieg, war das Einzige im Raum, das noch unverstellt und lebendig wirkte.

Katharina wartete, bis Ludmilla Nowak für einen Atemzug innehielt. Dann hob sie den Blick und sah ihr direkt in die Augen. Die Stille spannte sich wie ein Drahtseil zwischen ihnen. Ludmilla begriff, dass ihre sanften Belehrungen ins Leere liefen, und in ihrer Stimme mischte sich plötzlich ein kühler, metallischer Unterton.

„Maschenka, für Pavluscha ist es im Moment nicht leicht. Er sucht noch seinen Weg. Gerade jetzt braucht er deine Unterstützung, dein Verständnis für seine Lage …“

Dieser Satz, in honigsüßer Milde vorgetragen, traf Katharina wie ein Schuss. Mit demonstrativer Ruhe stellte sie den Wasserkocher auf den Untersetzer. Das harte Klacken des Plastiks durchschnitt die Luft so abrupt, dass Viktor zusammenzuckte.

Langsam drehte sie sich um. Aus ihrem Gesicht war jede Spur von Höflichkeit verschwunden. Ihr Blick war klar, fast eisig, und ruhte unbeirrbar auf ihrer Schwiegermutter. Viktor zog unwillkürlich den Kopf ein; selbst er spürte, dass sich die Atmosphäre schlagartig verändert hatte.

„Frau Nowak, verzichten wir bitte auf die Verniedlichungen“, sagte Katharina ruhig. Gerade diese Nüchternheit machte ihre Worte schärfer. „Ihr Sohn ist vierzig Jahre alt. Kein verirrtes Hündchen, das man aufpäppeln und bemitleiden muss.“

Sie verschränkte die Hände vor sich. „Ich habe ihm alles Notwendige bereits deutlich gesagt, ganz ohne Andeutungen oder Seufzer von Ihrer Seite. Entweder er geht morgen zu irgendeinem Bewerbungsgespräch – ja, zu irgendeinem, notfalls als Lagerarbeiter oder als Kurierfahrer – oder er packt seine Sachen und zieht zurück zu Ihnen, um sich dort weiter selbst zu finden.“

Wie eine Maske fiel der Ausdruck gespielter Fürsorge von Ludmillas Gesicht. Zurück blieb eine starre, empörte Härte. Sie richtete sich auf, als wolle sie allein durch ihre Haltung Dominanz beweisen.

„Wie kannst du es wagen—“

„Genau so“, unterbrach Katharina sie, ohne die Lautstärke zu erhöhen. Sie trat näher an den Tisch, stützte sich mit den Fingerspitzen auf die Holzplatte. „Sie haben ihn zu dem gemacht, was er ist. Also tragen Sie auch die Folgen. Ich habe einen erwachsenen Mann geheiratet, einen Partner. Kein dauerhaftes Investitionsprojekt mit ungewissem Ausgang. Für zusätzlichen Ballast ist in meinem Leben kein Platz.“

Das Wort „Ballast“ blieb im Raum hängen. Viktor zuckte, als hätte man ihn geohrfeigt, und fand endlich seine Stimme.

„Masha, wie kannst du so etwas sagen … vor meiner Mutter …“

Doch keine der beiden Frauen schenkte ihm Beachtung. Zwischen ihnen tobte längst ein anderer Kampf, und sein schwaches Einwerfen ging darin unter wie belangloses Hintergrundrauschen.

„Ich wusste immer, dass du kein Herz hast“, zischte Ludmilla, die Augen schmal vor Zorn. „In deinem Kopf klappert nur eine Rechenmaschine. Immer nur Geld! Und was ist mit der Seele? Du hast keine Ahnung, was kreative Erschöpfung bedeutet! Das ist keine Faulheit. Das passiert, wenn jemand sich völlig verausgabt hat und Zeit braucht, um neue Kraft zu sammeln. Und du kommst mit Bewerbungen! Soll ein Genie etwa Pakete ausfahren oder Pizza ausliefern?“

Ein leises, beinahe tonloses Lachen glitt über Katharinas Lippen. Es war kälter als jedes Schreien.

„Ein Genie? Bitte.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ihr Sohn leidet nicht an einer zu feinen Seele, sondern an einer sorgfältig gepflegten Unreife. Vierzig Jahre lang haben Sie ihn umhegt, ihm jeden Krümel Staub von der Schulter gewischt, ihm eingeredet, wie außergewöhnlich und unverstanden er sei. Natürlich glaubt er inzwischen selbst daran. Nur fehlt jeder Beweis – außer bedeutungsschweren Seufzern über erkalteten Kaffeetassen. Seine angebliche ‚Erschöpfung‘ begann genau an dem Tag, als man von ihm Verantwortung verlangte.“

Ihre Worte fielen präzise, ohne Zittern, ohne Hast. Keine Anklage, nur eine nüchterne Bestandsaufnahme – und gerade das machte sie unerträglich. Es war nicht nur ein Urteil über Viktor, sondern auch über die Art, wie er erzogen worden war.

„Mein Sohn ist hochbegabt!“ Ludmilla schlug mit der Hand auf den Tisch, sodass die Tassen klirrten. „Und du bist eine gefühlskalte, geldgierige Hexe, unfähig, sein Talent zu erkennen! Für dich zählt nur, was er verdient. Was in ihm vorgeht, ist dir vollkommen gleichgültig!“

„Ganz richtig“, erwiderte Katharina und nickte beinahe freundlich. „Mich interessiert tatsächlich nicht das Innenleben eines Mannes, der zwei Wochen auf dem Sofa liegt, während seine Frau arbeitet, um die Wohnung zu bezahlen, in der er liegt. Erzählen Sie mir also bitte nichts von weiblicher Weisheit. Sie haben Ihre eigene bereits ausgiebig praktiziert – und das Resultat sitzt hier an meinem Tisch und bringt kein einziges Wort zu seiner eigenen Verteidigung hervor.“

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