«Ludmilla Nowak, wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass ich verpflichtet bin, Ihren Sohn durchzufüttern?» — sagt Katharina kalt und schiebt einen geöffneten Koffer mit Viktors Sachen zwischen Mutter und Sohn

Herablassende Fürsorge erstickt jede Spur von Würde.
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— Ludmilla Nowak, weshalb kommen Sie eigentlich auf die Idee, ich müsse für Ihren Sohn aufkommen? Er ist mein Ehemann, er trägt Verantwortung für mich – und nicht umgekehrt! Wenn Sie also glauben, ihn beschützen zu müssen, dann tun Sie das bitte außerhalb meiner Wohnung!

— Katharina, mach auf, ich bin es! Ich habe frische Kohlpiroggen mitgebracht, genau so, wie Viktor sie am liebsten isst!

Die Stimme vor der Tür klang hell und bestimmt, so durchdringend, dass es unmöglich war, sie zu überhören oder so zu tun, als sei niemand da. Katharina Brandt trocknete sich langsam die Hände an einem Geschirrtuch, ehe sie ihrem Mann einen kurzen, vielsagenden Blick zuwarf.

Viktor Seidel saß am Küchentisch und starrte in seine längst kalt gewordene Kaffeetasse. Er wirkte wie ein unverstandener Denker, der sich von einer existenziellen Krise verschlungen fühlte. Das Klingeln schien für ihn nichts weiter zu sein als ein störendes Geräusch aus einer Welt, die seinen inneren Kämpfen nicht gerecht wurde.

Als das Schloss schließlich klickte, setzte Katharina ein höfliches, einstudiertes Lächeln auf. Auf der Schwelle stand Ludmilla Nowak – eine kräftige Frau im eleganten Mantel, mit prüfendem Blick und einer Papiertüte in der Hand, aus der der intensive Duft frisch gebackenen Teigs strömte. Sie trat nicht einfach ein; sie nahm den Raum in Besitz, als gehöre er ihr, und brachte eine Atmosphäre selbstverständlicher Autorität mit.

— Guten Tag, Katharina. Du siehst blass aus. Ist alles in Ordnung? — fragte sie, während sie ihren Mantel ablegte und die Wohnung mit scharfem Blick musterte. — Und wo ist mein Viktor? In der Küche? Natürlich.

Ohne eine Einladung abzuwarten, steuerte sie zielstrebig dorthin. Ihre Anwesenheit ließ die kühle, perfekt geordnete Küche sofort enger wirken. Die klaren Linien, die Edelstahlflächen und die minimalistische Strenge waren kein geeigneter Hintergrund für demonstrative Mutterliebe. Viktor hob schließlich den Kopf, nickte schwach und zwang sich zu einem matten Lächeln.

— Hallo, Mama. Warum bist du so früh hier?

— Für eine Mutter ist es nie zu früh, mein Junge, — entgegnete Ludmilla und platzierte die Tüte mit den Piroggen wie eine Trophäe auf dem Tisch. — Du bist ja ganz eingefallen. Das schmerzt mich. Hier, iss etwas. Sie sind noch warm.

Katharina stellte wortlos den Wasserkocher auf die Herdplatte. Ihre Bewegungen waren ruhig, beinahe lautlos, doch in ihr spannte sich alles an. Sie fühlte sich wie eine Darstellerin in einem Stück, das sie schon hundertmal gespielt hatte, mit festgelegten Rollen und bekannten Dialogen.

Gleich würde der übliche Auftakt folgen: ein paar belanglose Sätze über das Wetter, entfernte Verwandte oder die gestiegenen Preise. Und sobald dieses harmlose Geplänkel den Boden bereitet hätte, käme Ludmilla zum eigentlichen Thema.

— Bei dir ist es immer tadellos sauber, Katharina. Fast schon klinisch, — bemerkte die Schwiegermutter und strich mit dem Finger über die Arbeitsfläche, nur um zufrieden festzustellen, dass sich kein Staubkorn fand. — Aber Gemütlichkeit fehlt. Ein Mann braucht Wärme, besonders wenn er eine schwere Phase durchlebt.

Katharina stellte ihr eine Tasse hin.

— Möchten Sie Tee? Schwarz oder grün?

— Schwarz, wie immer. Viktor, wenigstens einen Bissen solltest du nehmen. Es tut weh, dich so appetitlos zu sehen, — sagte Ludmilla sanft und schob ihm den Teller näher.

Viktor seufzte theatralisch. Er nahm eine Pirogge in die Hand, betrachtete sie, als handle es sich um ein Symbol tieferer Wahrheiten, statt um ein schlichtes Gebäck, und zögerte.

— Im Moment habe ich keinen Kopf fürs Essen. Ich denke nach.

Dieses Wort war das Signal. Katharina spürte förmlich, wie Ludmilla sich innerlich aufrichtete, ihre Aufmerksamkeit bündelte und zum entscheidenden Vorstoß ansetzte. Die ältere Frau wandte sich ihr zu, ihr Gesicht nahm den vertraut mitleidigen Ausdruck an, den sie über Jahre perfektioniert hatte.

— Siehst du, Katharina, ein Mensch muss manchmal in sich gehen. Eine schöpferische Seele kann nicht funktionieren wie andere, nicht im Takt von Terminen und Rechnungen. Sie braucht Zeit, um sich neu zu orientieren, um einen anderen Weg zu finden. Gerade dann ist Rückhalt von den Nächsten unersetzlich. Wahre weibliche Stärke zeigt sich darin, dass man dem Mann die Last abnimmt, wenn er strauchelt. Dass man Verständnis zeigt, Geduld hat, trägt …

Ihre Worte flossen weich und eindringlich, wie eine Decke, die wärmt und zugleich erdrückt. Viktor lauschte mit leidender Miene und bestätigte stumm jede Silbe. Katharina hingegen griff nach der Kanne und goss das kochende Wasser in die Tassen, während sich in ihr etwas regte, das sich nicht länger mit heißem Tee besänftigen ließ.

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