«Wenn ich deine Mutter noch ein einziges Mal morgens um sechs in unserem Schlafzimmer erwische, setze ich sie vor die Tür – und dich gleich mit!» — Katharina Brandt schrie, bebte vor Zorn

Das ist kalt, verletzend und zutiefst ungerecht.
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„Wenn ich deine Mutter noch ein einziges Mal morgens um sechs in unserem Schlafzimmer erwische, setze ich sie vor die Tür – und dich gleich mit!“ Katharina Brandt schrie nicht mehr, sie bebte vor Zorn. Es war der Moment, in dem ihre Geduld endgültig zerrissen war.

Julian Hartwig war gerade von seiner Nachtschicht aus der Fabrik zurückgekommen. Er schleppte sich müde in die Wohnung, die Ohren noch erfüllt vom Dröhnen der Maschinen. Alles, wonach er sich sehnte, war Ruhe. Stattdessen prallte er auf einen Sturm, der sein gewohntes Gleichgewicht ins Wanken brachte.

Der Auslöser war erneut Brigitte Nowak gewesen – und ihr Zweitschlüssel. Zum sechsten Mal innerhalb von vier Wochen hatte sie sich damit Zutritt verschafft. Katharina war aufgewacht, weil sie dieses unbestimmte Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Als sie die Augen öffnete, erkannte sie im Halbdunkel die Silhouette ihrer Schwiegermutter neben dem Bett. Regungslos stand sie dort und betrachtete ihren schlafenden Sohn, als wäre er ein Ausstellungsstück.

„Ist sie noch ganz bei Verstand?“, hatte Katharina leise vor sich hin gemurmelt, nachdem Brigitte lautlos den Raum verlassen hatte.

Beim Frühstück erklärte die Schwiegermutter mit sanfter Stimme, sie habe lediglich nachsehen wollen, ob Julian sich nach der anstrengenden Arbeit auch wirklich erhole. Eine Mutter, sagte sie, höre nie auf, sich Sorgen zu machen. Katharina schwieg dazu, doch innerlich kochte sie.

Nun, da Julian in der Küche saß, brach alles aus ihr heraus.

„Begreifst du eigentlich, was deine Mutter da treibt?“ Katharina lief rastlos zwischen Herd und Tisch hin und her, ihre Hände zeichneten wütende Gesten in die Luft. „Sie marschiert in unser Schlafzimmer, als gehöre ihr die Wohnung! Sie kontrolliert, wie du schläfst! Ich bin dreißig Jahre alt, Julian – und komme mir vor wie ein Kind unter Aufsicht!“

Julian ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und rieb sich die Stirn. Sein Kopf dröhnte, und Katharinas erhobene Stimme machte es nicht besser.

„Katharina, bitte… etwas leiser. Sie macht das nicht aus Bosheit. Sie sorgt sich eben.“

Diese Worte wirkten wie ein Funke im Pulverfass. Katharina blieb stehen und drehte sich zu ihm um. In ihrem Blick lag etwas, das er so noch nicht gesehen hatte – keine bloße Wut, sondern eine kalte Entschlossenheit.

„Sie sorgt sich? Hörst du dir eigentlich selbst zu? Deine Mutter behandelt unsere Wohnung wie einen öffentlichen Durchgang! Sie besitzt von jedem Raum einen Schlüssel, kommt und geht, wann es ihr passt, und du verteidigst das auch noch!“

„So schlimm ist es nicht“, widersprach Julian matt. „Sie ist allein, sie hat außer mir niemanden…“

„Allein?“ Katharina lachte scharf auf. „Nein, Julian. Nicht einsam – kontrollsüchtig! Sie will unser Leben steuern. Und das Schlimmste ist: Sie kann es, weil du sie lässt!“

Er fühlte sich zwischen zwei Fronten eingeklemmt. Auf der einen Seite seine Ehefrau, die offensichtlich unter dieser Situation litt. Auf der anderen seine Mutter, die tatsächlich viel Zeit allein verbrachte und für die er der Mittelpunkt ihres Daseins war.

„Lass uns vernünftig reden“, versuchte er es erneut. „Ich fahre zu ihr, ich erkläre ihr noch einmal, dass—“

„Noch einmal?“ Katharina trat dicht vor ihn. „Du hast ihr schon unzählige Male etwas erklärt! Und was hat es gebracht? Sie taucht immer häufiger auf. Inzwischen höre ich nachts jedes Geräusch im Flur und denke, sie schwebt wieder durch die Wohnung wie ein Geist!“

Sie ging zum Fenster und zog den Vorhang ein Stück zur Seite. Unten im Hof, auf der Bank direkt unter ihrem Fenster, saß Brigitte Nowak. Eine Zeitung lag aufgeschlagen in ihrem Schoß. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und blickte hinauf.

„Siehst du das?“, sagte Katharina leise, aber mit bebender Stimme. „Da sitzt sie. Und beobachtet unsere Fenster. Wie eine Wachfrau. Oder schlimmer.“

Julian trat neben sie. Tatsächlich – seine Mutter saß draußen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches; sie mochte es, frische Luft zu schnappen. Doch unter Katharinas Blick wirkte die Szene plötzlich anders.

Er zuckte mit den Schultern und murmelte: „Sie sitzt doch nur da. Was soll daran schon außergewöhnlich sein?“

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