„Ach, nichts Besonderes“, erwiderte Tobias ausweichend. „Meine Mutter braucht ein wenig Unterstützung für die Renovierung ihres Balkons.“
Nora verschränkte die Arme. „Was heißt ‚ein wenig‘?“
„Siebzigtausend Euro.“
Die Tasse in ihrer Hand knallte unsanft auf die Untertasse, ein Schwall Tee schwappte über den Rand. „Siebzigtausend? Woher bitte sollen wir die nehmen?“
„Wir haben doch Rücklagen“, murmelte er und wich ihrem Blick aus.
„Diese Rücklagen sind für unseren Urlaub gedacht. Und für den Kühlschrank, der seit Wochen den Geist aufgibt.“
Er zuckte mit den Schultern. „Bis zum Sommer gibt sie es zurück. Ich habe das Geld schon überwiesen.“
Nora sprang auf. „Du hast was? Ohne ein Wort mit mir zu reden? Das ist unser gemeinsames Erspartes!“
„Reg dich ab“, sagte er scharf. „Es geht um meine Mutter. Soll ich sie etwa im Stich lassen?“
Bevor Nora antworten konnte, vibrierte ihr eigenes Handy. Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display.
„Ja?“
„Norachen, hier ist Gabriele Mertens“, säuselte eine übertrieben freundliche Stimme. „Ich hätte da eine klitzekleine Bitte…“
Noras Finger krampften sich um das Telefon. „Worum geht es?“
„Meine kleine Jule ist krank, ganz schlimm. Der Tierarzt sagt, sie braucht dringend eine Operation. Hunderttausend Euro. Du würdest deiner Familie doch nicht die Hilfe verweigern?“
Nora ließ sich schwer auf den Stuhl sinken. „Gabriele, wir verfügen nicht über so viel Geld.“
„Nicht?“, schnappte die Stimme am anderen Ende plötzlich gereizt. „Ihr habt doch eine Eigentumswohnung, ein neues Auto! Oder ist dir ein Hund weniger wert als ein Mensch?“
„Ich…“
„Wir sprechen persönlich weiter!“ Das Gespräch wurde abrupt beendet.
Nora starrte ihren Mann an. „Hast du das gehört?“
Er hob kaum den Blick vom Display. „Dann hilf ihr eben. Sie ist schließlich Verwandtschaft.“
„Und woher soll ich bitte hunderttausend nehmen? Soll ich nachts noch Taxi fahren?“
„Man kann doch einen Kredit aufnehmen“, murmelte er. „Ich habe schließlich auch meiner Mutter geholfen.“
In diesem Moment fiel es Nora wie Schuppen von den Augen. Sie griff nach seinem Telefon, bevor er reagieren konnte. In der Überweisungshistorie tauchten regelmäßig Beträge auf: fünfzehn, zwanzig, dreißigtausend Euro – seit Monaten.
„Du hast also die ganze Zeit…“ Ihre Stimme versagte.
„Sie ist meine Mutter!“, fauchte er und entriss ihr das Gerät. „Sie hat mich großgezogen!“
„Und ich? Wer bin ich? Dein Bankautomat?“
Es klingelte an der Tür. Vor ihnen stand Brigitte Ahlers mit einer überdimensionierten Einkaufstasche.
„Ich habe euch etwas mitgebracht!“, rief sie fröhlich. Als sie die angespannte Stimmung bemerkte, zog sie die Stirn kraus. „Ist etwas passiert?“
„Alles gut, Mama“, beeilte sich Tobias.
Doch Nora trat einen Schritt vor. „Ihr Sohn hat Ihnen gerade unser Urlaubsgeld überwiesen. Und jetzt fordert Gabriele Mertens hunderttausend für eine angebliche Operation.“
Brigitte rollte mit den Augen. „Na und? Gabriele gehört zur Familie. Oder bist du zu geizig? Mein Sohn verdient eine Frau, die seine Angehörigen respektiert.“
Ein heiseres Lachen entrang sich Noras Kehle. „Verstehe. Ein exklusiver Familienclub – finanziert von mir.“
Sie griff nach ihrer Handtasche und den Autoschlüsseln.
„Wo willst du hin?“, fragte Tobias alarmiert.
„Zur Bank. Wenn ich ohnehin eure Geldquelle bin, dann erledige ich das offiziell.“
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Im Aufzug liefen ihr Tränen über die Wangen. Mit zitternden Fingern schrieb sie einer Freundin: „Ich glaube, ich habe nicht nur einen Mann geheiratet, sondern einen ganzen Clan.“
Eine Stunde später stellte Gabriele Mertens ein Foto in den Familienchat: sie selbst in einem neuen Nerzmantel, breit grinsend. Darunter der Text: „Danke, ihr Lieben! Jule geht es schon viel besser!“
Als Nora mit einem Umschlag aus der Bank zurückkehrte – Kredit, genehmigt zu absurd hohen Zinsen –, leuchtete ihr Handy pausenlos. Unter dem Bild sammelten sich Kommentare: Bewunderung für den Mantel, Lobeshymnen auf Gabriele, Dank an Nora für ihre „Großzügigkeit“.
Ihr Kopf dröhnte. „Wie können sie nur…“
Die Wohnungstür stand einen Spalt offen. Stimmen drangen aus der Küche.
„Sie war schon immer kleinlich“, hörte sie Brigitte sagen. „Kochen kann sie nicht richtig, aber beim Geldzählen ist sie Meisterin.“
„Mama, bitte…“, versuchte Tobias halbherzig.
Nora trat ein. Am Tisch saßen Brigitte, Tobias – und Gabriele, eingehüllt in genau den Mantel vom Foto. Eine halb geleerte Sektflasche, Kuchenreste auf Tellern.
„Da ist ja unsere Wohltäterin!“, rief Gabriele und schwenkte ihr Glas. „Komm, Nora, stoß mit uns an!“
Nora legte den Umschlag langsam auf den Tisch. „Hier sind die hunderttausend. Für Jules Operation. Erstaunlich, wie schnell sie offenbar gesund wurde.“
Gabriele errötete, fing sich jedoch sofort. „Ach, Liebes, das war doch nur ein Spaß! Der Mantel ist alt.“
„Natürlich“, sagte Nora ruhig und zeigte auf das Foto. „Deshalb hängt noch das Etikett ‚Kollektion 2024‘ am Ärmel.“
Brigitte sprang auf. „Jetzt reicht es! Hast du keinen Respekt vor Älteren? Gabriele ist Familie!“
„Meine Familie“, erwiderte Nora bitter, „nimmt keine Kredite auf, um Pelzmäntel zu finanzieren, während ich Überstunden schiebe.“
Endlich sah Tobias sie an. „Hör auf. Du stellst mich bloß.“
„Ich stelle dich bloß? Du leerst unser Konto für deine Mutter, deine Tante erpresst mich mit einer Lüge, und ihr feiert hier mit Sekt – von meinem Geld!“
Brigitte trat dicht an sie heran. „Wenn du dich nicht benehmen kannst, bringen wir es dir bei. Ab morgen kochst du nach meinem Plan, putzt nach meinem Zeitplan, und außerdem wirst du…“
