«Nimm deine Sachen.» — sagte Clara ruhig und stellte ihm wortlos die gepackten Koffer vor die Füße

Ihre selbstsüchtige Übergriffigkeit war schlichtweg abscheulich.
Geschichten

Von den angeblich für Dorothea Albrechts Briefmarkensammlung „geliehenen“ Beträgen bis hin zu jeder noch so kleinen verschwundenen Kleinigkeit – alles war erfasst. Lückenlos. Mit Belegen.

Ich druckte die gesamte Aufstellung aus und heftete sie in einen dicken Ordner. Dazu legte ich die Unterlagen der Wohnung sowie den bereits vorbereiteten Scheidungsantrag. Dieser Ordner war mehr als Papier. Er war mein Schutzschild – und, wenn nötig, meine Waffe.

Um Punkt acht erschien Markus Schmitt. Sein Schlüssel passte nicht mehr ins Schloss. Kurz darauf klingelte es. Als ich öffnete, stellte ich ihm wortlos die gepackten Koffer vor die Füße.

„Nimm deine Sachen.“

Er starrte mich an. „Clara, was soll das?“

„Ich reiche die Scheidung ein. Du gehst jetzt.“

Er lachte unsicher, glaubte an eine Laune. Wollte an mir vorbei in die Wohnung. Ich trat einen Schritt zurück und schloss die Tür vor seiner Nase. Danach klingelte und hämmerte er, sein Name leuchtete ununterbrochen auf meinem Display. Ich nahm nicht ab. Wenig später rief Dorothea Albrecht an, schrie etwas von Undankbarkeit und Wahnsinn. Ich ließ sie eine Minute reden, beendete das Gespräch und blockierte beide Nummern.

Mir war klar, dass das Schauspiel am Morgen weitergehen würde. Dorothea Albrecht besaß schließlich ebenfalls einen Schlüssel.

Um sechs Uhr stand sie vor der Tür. Erst hörte ich nur das metallische Kratzen im Schloss. Dann Stille. Im nächsten Moment hallte ihre Stimme durch das Treppenhaus, so schrill, dass im Innenhof Fenster aufgingen und Tauben erschrocken aufflatterten.

„Clara Engel! Was fällt dir ein? Mach sofort auf! Das ist meine Wohnung! Mein Sohn wohnt hier!“

Ich blieb ruhig hinter der Tür stehen und wartete. Zwanzig Minuten später kam Markus dazu. Er trommelte mit der Faust gegen das Holz, drohte mit der Polizei, verlangte Einlass. Die Nachbarn öffneten ihre Türen, tuschelten, beobachteten. Gut so. Zeugen konnte ich gebrauchen.

Schließlich öffnete ich. Den Ordner hielt ich fest an mich gedrückt.

Dorothea verstummte abrupt. Markus machte einen Schritt auf mich zu. „Beenden wir diesen Unsinn. Wir reden vernünftig.“

„Gern.“ Ich schlug den Ordner auf. „Hier ist der Kaufvertrag – auf meinen Namen. Hier der Scheidungsantrag. Und das hier dürfte euch besonders interessieren.“

Ich zog die vierzig Seiten hervor.

„Eine vollständige Aufstellung über alles, was ihr euch in fünf Jahren ‚geliehen‘ habt. Jeder Euro. Jede verschwundene Sache. Die zerbrochene Vase. Das Geld für Briefmarken. Dazu sämtliche Nachrichten mit euren Versprechen, es morgen zurückzugeben.“

Markus’ Gesicht verlor jede Farbe. Dorothea riss ihm einige Blätter aus der Hand, überflog sie – ihre Miene entgleiste.

„Du hast uns kontrolliert? Buch geführt?“

„Ich habe mein Eigentum geschützt. Was ihr Geiz genannt habt, war nichts anderes als Selbstachtung.“

Ich ließ den Blick über die Nachbarn schweifen, die noch immer in den Türen standen.

„Solltet ihr noch einmal versuchen, hier einzudringen, rufe ich die Polizei. Es gibt Zeugen. Und Dokumente. Jetzt geht. Und kommt nicht wieder.“

Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, trat ich zurück in die Wohnung und schloss. Mit dem Rücken lehnte ich mich gegen die Tür und lauschte ihren Schritten auf der Treppe – schwer, schleppend, immer leiser. Dann war da nur noch Stille. Eine Stille, die ich seit fünf Jahren nicht mehr gekannt hatte.

Die Scheidung war schnell vollzogen. Markus legte keinen Widerspruch ein – die Wohnung gehörte ihm nicht, also gab es nichts zu verhandeln. Dorothea Albrecht versuchte noch, im Bekanntenkreis Stimmung gegen mich zu machen, stellte mich als herzlos dar. Doch die meisten hatten längst bemerkt, wer hier wessen Leben finanziert hatte.

Einen Monat später kaufte ich mir einen neuen Mixer. Und begann, eine neue Croissant-Linie zu entwickeln.

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