«Nimm deine Sachen.» — sagte Clara ruhig und stellte ihm wortlos die gepackten Koffer vor die Füße

Ihre selbstsüchtige Übergriffigkeit war schlichtweg abscheulich.
Geschichten

Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass selbst die Tauben unter dem Dach aufgeschreckt aufflatterten. Dorothea Albrecht stand draußen auf dem Treppenabsatz und schrie, als hätte man ihr etwas Unersetzliches geraubt. Dabei ging es lediglich um einen Schlüssel – noch dazu um einen, der weder ihr gehörte noch zu ihrer Wohnung passte.

„Clara! Mach sofort auf! Das ist ja unerhört!“

Barfuß stand ich hinter der Tür auf dem eiskalten Parkett. Während ihre Stimme durchs Treppenhaus peitschte, kreiste in meinem Kopf nur ein einziger Gedanke: Warum habe ich das nicht schon viel früher beendet? Weshalb habe ich fünf Jahre lang geschwiegen? Und wieso ließ ich zu, dass diese Frau mein Zuhause behandelte wie einen öffentlichen Durchgang?

Der Türgriff wurde hektisch heruntergedrückt, Metall kratzte im Schloss, als sie mit ihrem alten Schlüssel hantierte. Kurz darauf hämmerte sie mit der Faust gegen das Holz. Eine Viertelstunde ging das so. Nach und nach öffneten Nachbarn vorsichtig ihre Türen, neugierige Blicke huschten über den Flur. Ich rührte mich nicht. Etwa dreißig Minuten später erschien Markus Schmitt.

Er klopfte weniger laut, dafür mit beharrlicher Ruhe.

„Clara, bitte. Es reicht. Lass uns vernünftig miteinander reden.“

Vernünftig. Ich konnte mir ein bitteres Lächeln nicht verkneifen und stellte in aller Seelenruhe den Wasserkocher an. Fast fünf Jahre lang – genauer gesagt vier Jahre und elf Monate – hatte ich versucht, genau das zu tun: vernünftig zu reden. Im letzten Monat jedoch hatte ich stattdessen Unterlagen gesammelt.

Alles hatte mit diesem Ersatzschlüssel begonnen. Markus bat mich damals, seiner Mutter einen Zweitschlüssel zu geben – nur für den Notfall. Dorothea Albrecht war gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, blass, die Hände noch zitternd. Ich hatte Mitleid. Also übergab ich ihn.

Eine Woche später kam ich von der Arbeit nach Hause und entdeckte einen Zettel auf dem Küchentisch. „Clärchen, ich habe Staub gewischt und den Boden geputzt. Die kleine Figur von der Kommode steht jetzt im Regal – dort passt sie besser hin.“ Mit „Figur“ meinte sie die antike Porzellanballerina meiner Mutter. Sie hatte das Erbstück hinter Bücher in das oberste Fach verbannt.

Vorsichtig sprach ich Markus darauf an. Ruhig, ohne Vorwürfe. Er nickte, versprach, mit ihr zu reden. Danach kündigte sie ihre Besuche immerhin fünf Minuten vorher telefonisch an – offenbar hielt sie das für ausreichende Rücksichtnahme.

Bald tauchte sie auch regelmäßig in meiner Bäckerei auf, besonders am Wochenende. Sie schlenderte zwischen den Tischen umher, musterte kritisch die Auslage. Eines Tages griff sie nach meinem Arbeitsnotizbuch, blätterte darin und erklärte vor meinen Verkäuferinnen:

„Clärchen, das Wort ‚Baiser‘ wird auf der letzten Silbe betont. Rechtschreibschwächen machen im Geschäftsleben keinen guten Eindruck.“

Die Mädchen starrten betreten zu Boden. Ich lächelte gezwungen. In mir jedoch verhärtete sich etwas.

Markus verteidigte sie stets: Sie sei eben von der alten Schule, meine es gut, fühle sich allein und nutzlos. Ich solle Verständnis zeigen. Fünf Jahre lang zeigte ich Verständnis. Und währenddessen verschob sie Stück für Stück die Grenzen, bis es in meiner eigenen Wohnung keinen Ort mehr gab, an dem ich mich noch als Hausherrin fühlte.

Am Freitagabend kam Valentina Engel nach Hause. Achtzehn Jahre alt, im ersten Studienjahr, gezeichnet von Prüfungsstress – schmaler geworden, dunkle Schatten unter den Augen. Ich schloss sie im Flur in die Arme und wollte sie direkt in die Küche führen. Doch dazu kam es nicht.

Die Klingel schrillte.

Dorothea Albrecht trat mit einer Tasche voller Literaturlehrbücher ein, als gehöre ihr der Platz.

„Mein liebes Valentinchen! Ich habe gehört, du bist zurück. Bestimmt hattest du eine Literaturprüfung. Vierzig Jahre lang habe ich unterrichtet – komm, ich teste dein Wissen.“

Valentina sah mich unsicher an.

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