Was dann folgte, klang wie eine Satire. Erik Vogel beantragte, ihm die Hälfte der Wohnung zuzusprechen – mit der Begründung, er habe während der Ehe „wesentliche, untrennbare Modernisierungen“ vorgenommen, die den Wert der Immobilie erheblich gesteigert hätten.
Die Aufzählung dieser angeblichen Wertsteigerungen ließ kaum jemanden im Saal unberührt: ein Regal im Badezimmer, der Austausch eines Küchenhahns, ein frischer Anstrich im Wohnzimmer. Selbst die regelmäßige Begleichung von Nebenkosten führte sein Anwalt ins Feld – als Beitrag zum „Erhalt der Substanz“.
Als der Vortrag endete, hob die Richterin, eine ältere Dame mit müden, aber wachen Augen, den Blick und wandte sich an Marlene Roth.
„Wie äußern Sie sich dazu?“
Marlene erhob sich ruhig. Kein Wort über verletzte Gefühle, keine Anspielung auf Treue oder Enttäuschung. Sie sprach sachlich – so, wie sie es aus ihrem Berufsalltag kannte: präzise, strukturiert, faktenbasiert.
„Hohes Gericht“, begann sie mit fester Stimme, „die Forderung meines ehemaligen Ehemannes entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Die Wohnung befindet sich seit Jahren in meinem Alleineigentum, erworben vor der Eheschließung. Der Grundbuchauszug liegt hier vor.“
Sie reichte das Dokument nach vorn.
„Zu den behaupteten untrennbaren Renovierungsmaßnahmen möchte ich Folgendes vorlegen.“
Ein weiterer Stapel Unterlagen folgte. „Hier die Quittung für das erwähnte Badezimmerregal – Kaufpreis 800 Rubel.“ Sie korrigierte sich selbst mit einem nüchternen Lächeln. „Umgerechnet ein geringer Eurobetrag. Hier die Rechnung des Installateurs, den ich beauftragen musste, nachdem mein Ex-Mann versucht hatte, den Wasserhahn eigenhändig zu reparieren. Das Ergebnis war ein Wasserschaden in der darunterliegenden Wohnung. Die Schadenssumme belief sich auf 50.000 Rubel, von mir allein getragen.“
Man hörte das Rascheln von Papier.
„Und hier Fotos der Wohnzimmerwand, die Herr Vogel gestrichen hat – deutlich sichtbare Streifen, Farbspritzer auf dem Parkett. Ich war gezwungen, eine Fachfirma mit der vollständigen Renovierung des Raumes zu beauftragen.“
Dokument um Dokument wechselte den Besitzer.
„Was die Nebenkosten betrifft“, fuhr sie fort, „finden Sie hier meine Kontoauszüge der letzten zehn Jahre. Daraus geht hervor, dass rund neunzig Prozent aller Zahlungen von meinem Konto abgegangen sind.“ Sie legte einen weiteren Auszug daneben. „Im selben Zeitraum investierte Herr Vogel – wie seine Kontoübersicht zeigt – beachtliche Summen in Angelruten, Angelausflüge und technische Spielereien.“
Als sie geendet hatte, lag eine spürbare Spannung im Raum. Der Anwalt an Eriks Seite wirkte zunehmend irritiert. Erik selbst verlor sichtbar an Farbe. Sein Plan einer „fairen Aufteilung“ zerbröckelte vor aller Augen.
Marlene wandte sich abschließend noch einmal direkt an die Richterin. „Unter diesen Umständen sehe ich keinerlei Anspruch meines ehemaligen Ehemannes auf irgendeinen Anteil an meiner Wohnung. Wenn man es genau nähme, bestünde vielmehr eine erhebliche finanzielle Forderung meinerseits für die Jahre, in denen ich den Großteil der gemeinsamen Kosten getragen habe. Doch anders als er habe ich nicht die Absicht, rückwirkend abzurechnen. Ich bitte lediglich darum, dass das Gesetz angewendet wird.“
Die Richterin zog sich kurz zur Beratung zurück. Fünf Minuten später war die Entscheidung verkündet: Die Klage wurde in vollem Umfang abgewiesen.
Auf dem Flur holte Erik sie ein. Seine Stimme war ein scharfes Zischen. „Du hast mich bloßgestellt. Du hast alles ruiniert.“
Marlene sah ihn ein letztes Mal an. Kein Zorn lag in ihrem Blick, keine Bitterkeit – nur eine kühle, fast mitleidige Distanz. „Nein, Erik. Das hast du selbst getan. In dem Moment, als du beschlossen hast, meine Liebe und mein Zuhause wie eine Ware zu behandeln, die man aufteilen kann.“
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging den langen, hallenden Korridor entlang. Sie drehte sich nicht mehr um. Vor ihr lag ein neues Kapitel – frei von Forderungen, frei von Berechnungen. In ihrem eigenen Zuhause, das sie sich zurückerkämpft hatte. Und in diesem Leben würde es keinen Platz mehr geben für Menschen, die nur auf ihren Anteil spekulieren.
