„Nach der Hochzeit bin ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass mir ein Anteil zusteht …“ — forderte Erik aufgebracht

Wie frech und verlogen diese Anspruchshaltung ist!
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„…und den Erlös unter uns aufteilen.“

„Aufteilen?“, wiederholte sie leise, beinahe fassungslos. „Du sprichst von Fairness? Ausgerechnet du?“

Erik Vogel, der sie ohne Zögern für eine andere verlassen hatte, berief sich nun auf Gerechtigkeit. Das Wort klang in ihren Ohren wie Hohn.

„Gerecht ist einzig das, was im Gesetz steht“, entgegnete Marlene Roth mit frostiger Ruhe. „Und laut Gesetz hast du keinerlei Anspruch auf meine Wohnung.“

„Dein Gesetz interessiert mich nicht!“, brach es schrill aus ihm heraus. „Es gibt so etwas wie Anstand! Moral! Ich werde doch nicht mit einem Koffer in der Hand verschwinden, nachdem ich zehn Jahre meines Lebens in dich investiert habe!“

Er merkte nicht einmal, was er da sagte. Sie hingegen hörte jedes einzelne Wort. Investiert. Als hätte er über ein misslungenes Geschäft gesprochen.

„Erwartest du ernsthaft, dass ich dir eine Art Abfindung zahle? Eine Entschädigung dafür, dass du mein Ehemann warst?“

„Nenn es, wie du willst!“, fauchte er, nun endgültig die Beherrschung verlierend, weil sein Plan sichtbar zerbröselte. „Ich gehe hier nicht leer aus! Ich werde klagen! Ich werde nachweisen, dass ich wertsteigernde Renovierungen vorgenommen habe! Und Zeugen finde ich auch!“

Sie musterte ihn schweigend. Diesen fremden Mann, der mit hochrotem Kopf vor ihr stand, spuckend vor Wut, die Hände fahrig in der Luft. Und in diesem Moment verschwand der letzte Rest Schmerz über seinen Betrug. Übrig blieb nur Abscheu – und eine ungeheure Erleichterung. Eine Befreiung, die sie fast schwindeln ließ. Bald würde dieser Mensch keinerlei Rolle mehr in ihrem Leben spielen.

Ohne ein weiteres Wort erhob sie sich, legte Geld für den Kaffee auf den Tisch und wandte sich zur Tür.

„Wo willst du hin? Wir sind noch nicht fertig!“, rief er ihr hinterher.

Sie blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um.

„Doch, Erik. Wir sind fertig. Und zwar seit einem Jahr. Seit dem Tag, an dem du beschlossen hast, dass dein Leben mit einer anderen Frau verlockender ist. Bleib wenigstens konsequent. Du bist gegangen – also geh. Endgültig. Und nimm deine Berechnungen gleich mit.“

Draußen empfing sie Nieselregen. Trotzdem hatte sie das Gefühl, aus einem stickigen, verrauchten Raum ins Freie zu treten. Sie wusste, dass er seine Drohung wahrmachen würde. Es würden Anwälte kommen, Schriftsätze, Nervenkrieg und Kosten. Aber sie war sich ebenso sicher, dass sie standhalten würde. Nicht nur, weil das Recht auf ihrer Seite war – sondern weil sie im Recht war.

Anstatt nach Hause zu fahren, bog Marlene in den kleinen Park um die Ecke ein. Auf einer feuchten Bank ließ sie sich nieder und merkte erst dort, wie flach ihr Atem ging, als wäre sie soeben aus großer Tiefe aufgetaucht.

Weinen konnte sie nicht mehr. Diese Phase lag hinter ihr, abgeschlossen vor einem Jahr, als Erik seine Koffer gepackt hatte. Was sie jetzt empfand, war kühler, klarer: eine Mischung aus Verachtung und bitterer Erkenntnis. Plötzlich sah sie die vergangenen zehn Jahre in einem schonungslosen Licht. Sein Verrat hatte nicht erst begonnen, als die andere Frau auftauchte. Er war von Anfang an Teil ihrer Ehe gewesen.

Für ihn war sie nie eine Gefährtin gewesen, sondern ein Vorhaben, ein langfristiges Projekt. Wie ein geschickter Geschäftsmann hatte er gerade so viel investiert, wie nötig war, um den „Wert“ der Beziehung zu erhalten: ein paar Komplimente, hin und wieder Blumen, sorgfältig dosierte Aufmerksamkeit. Und sie? Geblendet von Liebe und Dankbarkeit darüber, dass ein Mann wie er sich ausgerechnet für sie entschieden hatte, hatte sie alles eingebracht – Kraft, Unterstützung, Bewunderung. Sogar ihre Eigentumswohnung, die sie vor der Hochzeit besessen hatte und voller Freude in ihr „gemeinsames Zuhause“ verwandelte.

Damals hatte sie geglaubt, sie bauten sich ein Nest. Heute verstand sie: Für ihn war es lediglich ein bequem eingerichtetes Büro mit angeschlossenem Schlafzimmer und kostenloser Verpflegung.

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