— Undankbares Ding. Ich habe meinen Sohn großgezogen, ganz allein. Und was bringst du zustande? Kochen kannst du nicht. Deine Knödel stinken, das Fleisch ist versalzen. Und diese Wohnung hier — kahl wie ein Wartesaal. Keine Gardinen, keine Kissen. Keine Wärme. Eine Frau hat für Geborgenheit zu sorgen und nicht ständig bei Anwälten herumzuspringen.
Katharina Vogt spürte, wie in ihr etwas riss. Kein lauter Knall — eher das leise, endgültige Reißen eines zu straff gespannten Fadens.
— Geborgenheit? Wenn Sie einen Herd wollen, dann liefere ich Ihnen einen Brand, der Sie gleich mitverschlingt — inklusive Ihres Vertrags!
Mit einer ruckartigen Bewegung griff sie nach ihrer Lieblingstasse, der mit dem kleinen Kater darauf, und schleuderte sie gegen die Wand. Porzellan splitterte, der Kater zerbarst in weiße Scherben. In der Küche wurde es unnatürlich still. Selbst das monotone Brummen des Kühlschranks verstummte für einen Moment.
Im Türrahmen tauchte Martin Seidel auf. Zerzaustes Haar, Unterwäsche, verschlafenes Gesicht. Er kratzte sich am Bauch und blinzelte.
— Was ist hier eigentlich los?
Langsam drehte sich Katharina zu ihm um.
— Ach, der Hausherr persönlich. Ganz einfach, mein Lieber: Deine Mutter gestaltet hier gerade alles nach ihren Vorstellungen. Die Wohnung läuft künftig wohl auf ihren Namen. Und ich? Ich war offenbar nur Dekoration.
— Katharina, du verstehst das falsch …
— Nein. Ich verstehe es erschreckend richtig. Nur leider zu spät.
Brigitte Kern trat zu ihrem Sohn, hakte sich bei ihm unter.
— Sag es ihr. Sie wird sowieso gehen. Sie gehört nicht zu uns. Wer gegen die Familie arbeitet, stellt sich ins Abseits.
Martin öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Schluckte. Versuchte es erneut.
— Vielleicht … vielleicht sollten wir eine Weile Abstand nehmen. Damit sich alles beruhigt.
Katharina ließ sich auf einen Stuhl sinken, stützte das Kinn auf die Hand und lächelte dünn.
— Abstand? Gute Idee. Du ziehst zu deiner Mutter in ihre Zwei-Zimmer-Wohnung. In das Zimmer neben Heike Brandt, die nachts betrunken aus dem Fenster Goethe zitiert. Und ich bleibe hier. Denn, mein Schatz, du bist hier nicht gemeldet. Rate mal, wer morgen beim Amtsgericht einen Antrag auf Räumung stellt.
Martin wurde kreidebleich.
— Du bist doch nicht ernsthaft so weit gegangen?
— Nein, Martin. Ich bin nur endlich wach geworden. Du dachtest, ich sei harmlos. Still. Blind. Aber ich habe gesammelt. Nicht nur Geld für diese Wohnung — auch Beweise. Und den Mut, nicht mehr alles zu schlucken. Weißt du, was das bedeutet?
Sie erhob sich, ging zur Wohnungstür, drehte den Schlüssel im Schloss und riss sie weit auf.
— Es bedeutet: Jetzt ist Schluss. Raus.
Brigitte Kern schwieg. Sie griff nach ihrer Tasche — derselben, aus der sie zuvor bereits ihre sorgsam verpackten Vorräte in Katharinas Küchenschränken verteilt hatte.
Martin stand im Flur wie ein Schüler beim Appell. Seine Augen leer, diese vertraute Leere, in der man vergeblich nach einem Gedanken sucht.
Katharina nahm sein Handy vom Sideboard und drückte es ihm in die Hand.
— Ruf deinen Anwalt an. Oder deine Mutter. Wobei — das ist ja praktisch dasselbe.
Dann fiel die Tür ins Schloss. Fest. Mit einem Geräusch, das mehr beendete als nur ein Gespräch — es kappte ein ganzes Kapitel ihres Lebens.
Doch sie wusste: Das war noch nicht das Ende.
Gier ist wie Schimmel. Man kann schrubben, lüften, alles neu streichen — bleibt ein Rest, kommt er zurück.
Also würde es weitergehen. Und vermutlich ohne Handschuhe.
Punkt acht Uhr morgens klingelte das Telefon. Präzise, als hätte jemand den Wecker extra gestellt, um ihr den Samstag zu ruinieren.
Verschlafen tastete Katharina nach dem Gerät und zog es vom Nachttisch.
— Ja?
— Hier spricht Revierbeamter Thomas Riedel. Frau Vogt, Herr Seidel hat Anzeige erstattet. Er behauptet, Sie hätten ihn unrechtmäßig aus der Wohnung geworfen und seine persönlichen Sachen einbehalten.
Katharina setzte sich auf, strich ihr verrutschtes T‑Shirt glatt.
— Herr Riedel, erstens habe ich niemanden hinausgeworfen. Er ist freiwillig gegangen, sehr demonstrativ sogar. Zweitens ist er hier nicht gemeldet, sein offizieller Wohnsitz ist bei seiner Mutter. Und seine Sachen? Die stehen ordentlich verpackt im Flur. In einer Tüte aus der Parfümerie — fast schon poetisch.
— Ich muss trotzdem vorbeikommen. Protokoll aufnehmen.
— Dann kommen Sie eben. Die Tür steht offen, und ich habe nichts zu verbergen.
