In ihr formte sich in diesem Augenblick eine bittere Gewissheit: Genau so fühlte es sich an, wenn jemand noch im selben Raum stand und doch innerlich längst gegangen war. Man sprach – und prallte ins Leere.
— Morgen nehme ich mir frei. Ich werde einen Anwalt aufsuchen. Und sollte deine Mutter noch einmal unangemeldet hier auftauchen, dann soll sie sich nicht wundern, wenn es für sie unangenehm endet.
Martin Seidel antwortete nicht. Wortlos verschwand er im Bad, kurz darauf rauschte Wasser durch die Leitungen.
Währenddessen ordneten sich Katharina Vogts Gedanken bereits zu einem klaren, nüchternen Plan. Kein Drama, kein Geschrei – nur Konsequenz. Und zum ersten Mal seit Monaten breitete sich in ihr eine fast ungewohnte Ruhe aus.
Ein seltsames Knacken riss sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf, als würde jemand Verpackungsfolie von neuem Mobiliar ziehen. Verschlafen tastete sie nach dem Handy: 07:03 Uhr. Samstag. Eigentlich ein Tag zum Liegenbleiben. Doch das Geräusch kam erneut, begleitet von einem bekannten, trockenen Hüsteln. Da wusste sie: Dieser Tag würde alles andere als entspannt beginnen.
Barfuß trat sie in den Flur. Der Linoleumboden klebte unter ihren Sohlen; die Spuren vom Vortag waren inzwischen angetrocknet und rau.
In der Küche stand Brigitte Kern am Tisch. Ihr Morgenmantel schimmerte in einem undefinierbaren Grünton – irgendwo zwischen „Nebel über Brokkoli“ und „hätte längst entsorgt werden sollen“. In der einen Hand hielt sie ein Messer, in der anderen ein Baguette, das sie schräg in Scheiben schnitt, als plane sie keine Mahlzeit, sondern eine Hinrichtung.
— Ach, du bist also wach. Guten Morgen, Katharina, — sagte sie ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme war glatt und kühl, wie die eines Beamten bei der Aktenausgabe. — Schlaflos? Tja, nicht jeder hat ein Gewissen, das ruhige Nächte erlaubt.
Katharina schluckte. Das hier war kein zufälliger Besuch auf einen Kaffee. Das war eine gezielte Aktion.
— Was machen Sie hier? — Ihre Stimme klang heiser wie ein alter Heizkörper im Winter. — Martin meinte, Sie seien gestern nur kurz vorbeigekommen …
— Martin? — Brigitte verzog spöttisch die Lippen. — Ihm die Wahrheit zuzumuten ist ungefähr so sinnvoll wie eine Katze zu baden. Man kann sich bemühen, am Ende bleibt er doch derselbe.
— Er ist kein Schuljunge. Er ist mein Ehemann.
— Wirklich? Auf dem Papier vielleicht. Aber in Wahrheit … — Sie hob die Augenbrauen. — Mein verstorbener Rudolf Kern hat nicht einmal den Wasserkocher eingeschaltet, ohne mich zu fragen. Und deiner? Der hängt doch an deiner Leine. Die Wohnung, Gott bewahre, auf deinen Namen überschrieben. Neununddreißig Jahre alt – und sitzt immer noch im Käfig.
Ohne ein Wort ging Katharina ins Wohnzimmer, kam mit einem Stapel Unterlagen zurück und legte sie vor Brigitte auf den Tisch.
— Eine Kopie des Schenkungsvertrags. Vermisst?
Das Messer klirrte noch einmal auf dem Brett, dann wurde es still. Brigitte legte das Brot beiseite und wischte sich die Hände am Morgenmantel ab.
— Also hast du es entdeckt. Und nun? Willst du gegen die Familie deines Mannes vor Gericht ziehen?
— Welche Familie? Es gibt nur einen Mann, mit dem ich siebzehn Jahre lang für diese Wohnung gespart habe. Ich trug Strumpfhosen, die schneller Löcher bekamen als bei einem Teenager. Und jetzt soll alles auf einmal der Mutter „im Alter“ zustehen? Und ich war hier was – die fleißige Biene im Hintergrund?
Brigitte betrachtete das Dokument, als läge dort keine Urkunde, sondern eine offene Wunde.
— Du übertreibst maßlos, Katharina. Wir wollten lediglich Sicherheit. Wenn die Immobilie auf meinen Namen läuft, zahlt man weniger Abgaben, und man umgeht Schwierigkeiten. Martins Job ist unsicher. Ich dagegen stehe für Stabilität. Erfahrung. Verlässlichkeit.
— Erfahrung? Sie schaffen es nicht einmal, Ihre Telefonrechnung ohne Hilfe zu überweisen! Soll ich Ihnen noch einmal erklären, wie Onlinebanking funktioniert? Oder schreiben Sie Ihre Passwörter wieder auf Zettel?
Brigitte ließ ein scharfes Zungenschnalzen hören, ihre Augen verengten sich, und in ihrem Blick lag bereits die nächste Spitze, die sie im Begriff war abzufeuern.
