«Es bedeutet: Jetzt ist Schluss. Raus.» — sagt Katharina, dreht den Schlüssel im Schloss und schlägt die Tür mit einem endgültigen Ruck zu

Diese heimtückische Gleichgültigkeit ist zutiefst empörend.
Geschichten

— Was sind das für Latschen im Flur? — Katharina Vogt blieb noch in der Tür stehen, die Schuhe nicht einmal ausgezogen, und starrte auf das ausgetretene, bläulich schimmernde Paar, dessen Farbe an verwitterte Gartenzaunfarbe erinnerte. Die gehörten weder ihr noch Martin Seidel.

— Meine Mutter war kurz hier, — kam seine Stimme aus der Küche. Glatt und faltenlos wie frisch gebügelte Bettwäsche. Kein Zögern, kein schlechtes Gewissen. Alles klang ordentlich sortiert — nur wessen Ordnung das war, blieb fraglich.

Katharina stellte ihre Tasche langsam ab und streifte die Jacke von den Schultern. Ihr Herz pochte längst nicht mehr wegen der drei verregneten Haltestellen oder der stickigen Busfahrt mit dem krächzenden Radio. Es war dieses unangenehme, klebrige Gefühl, das sich in ihr ausbreitete. Sie kannte diesen betont ruhigen Tonfall nur zu gut: So sprach Martin immer dann, wenn er etwas verschwieg. Oder so tat, als gäbe es nichts zu verschweigen.

— Einfach so? — Sie trat in die Küche. — Auf einen Plausch bei Tee vorbeigekommen?

Martin saß bereits im Pyjama, obwohl es kaum sieben Uhr abends war. Sein Gesicht wirkte abwesend, beinahe gleichgültig. Die Augen huschten umher, während er mit der Tasse nervös auf die Untertasse klopfte. Ein verräterisches Signal: Gleich kommt eine Lüge, sorgfältig verpackt.

— Wir haben nur geredet. Ich wusste ja nicht, wann du heute auftauchst. Du bist doch so lange unterwegs.

— Aha. — Katharina schenkte sich Tee ein und bemerkte, wie leicht ihre Hände zitterten. — Ich hatte eine Besprechung bis neun. Den ganzen Tag auf den Beinen. Ein Anruf wäre nicht zu viel gewesen.

— Du wolltest doch nicht gestört werden. Arbeit ist Arbeit, hast du gesagt, — murmelte er und wich ihrem Blick aus.

Sie setzte sich ihm gegenüber und schwieg. Beobachtete, wie er häusliche Entspannung spielte. In ihr begann es leise zu brodeln — ganz ohne Vorwarnung. Wenn Martin anfing, sich zu winden, zog sich meist schon eine Spur aus Halbwahrheiten hinter ihm her.

— Sag mal ehrlich, Martin, warum kommt sie wirklich hierher? Bestimmt nicht nur für eine Tasse Tee.

— Was soll das heißen? Sie lebt allein, die Rente ist lächerlich. Wir haben ein bisschen zusammengesessen. Söhne besuchen nun mal ihre Mütter.

— Söhne besuchen ihre Mütter, ja. Aber Mütter tauchen nicht in fremden Hausschuhen mitten in der Wohnung eines Ehepaars auf. Wir hatten eine Abmachung: keine Dauerbesuche. Schon gar nicht von jemandem, der unsere Sachen umräumt.

— Jetzt übertreibst du wieder. Meine Mutter meint es gut. Sie hat eben ihre Art. Sie will nur, dass bei uns alles ordentlich läuft.

— Ordentlich? Heißt das, wenn sie meine Wäsche im Schrank neu sortiert? Oder meine Bürsten ins Badregal verbannt? Oder mich „deine da“ nennt, als wäre ich hier nur geduldet?

Martin schnaubte leise. Draußen bellte der Hund der Nachbarn, was der ganzen Szene eine seltsame Kulisse verlieh: fremde Hausschuhe im Flur, ein Ehemann im Pyjama, der Gleichgültigkeit mimte, und das Gefühl, das eigene Zuhause sei plötzlich nicht mehr ganz ihrs.

— Reg dich ab, — sagte er schließlich und atmete schwer aus. — Sie hatte da… einen Vorschlag. Wegen der Wohnung.

— Welchen Vorschlag?

Stille legte sich über den Raum. Man hörte das leise Glucksen in den Heizungsrohren.

— Wir sparen doch schon eine Weile. Vielleicht könnten wir die Wohnung vorübergehend auf meine Mutter überschreiben. Sie würde hier wohnen, wir unterstützen sie, und später schreibt sie alles wieder zurück.

Katharina blinzelte ihn an. — Meinst du das ernst?

— Werd nicht laut. Für sie wäre das eine Sicherheit. Die Mietwohnung setzt ihr zu, und diese Nachbarin, Heike Brandt, macht ihr ständig das Leben schwer…

— Sag mir lieber: Habt ihr schon etwas unterschrieben oder noch nicht?

Er antwortete nicht. Rieb sich über den Nasenrücken und stand vom Tisch auf.

— Lass uns später weiterreden. Ich bin müde.

— Und ich bin deiner Meinung nach taufrisch wie ein Frühlingsmorgen? — erwiderte sie bitter. — Planst du etwa, mich einfach zu übergehen, Martin?

Er stand da, die Schultern gekrümmt wie ein Schüler ohne Hausaufgaben.

— Ich denke nur an meine Mutter…

— Und ich bin was für dich? Die Frau hinterm Kantinentresen, die Essen ausgibt und ansonsten schweigt?

Er wandte sich ab. Und in diesem Moment begriff Katharina mit schneidender Klarheit, dass hier nicht nur von einer Wohnung die Rede war, sondern von etwas viel Grundsätzlicherem.

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